Zwischen Bedrohung und Bequemlichkeit

Offenbacher Fußgängerzone für Radler offen

+
Das gibt kein Knöllchen: Seit gestern ist es Radfahrern offiziell erlaubt, ganztägig durch die Fußgängerzone zu fahren. Die Stadtpolizei kontrolliert dennoch, beispielsweise ob jemand zu schnell fährt oder ein zweiter Passagier auf dem Gepäckträger sitzt.

Offenbach - Freie Fahrt für Radler in der Fußgängerzone. Gestern hat die Stadt den Startschuss für das einjährige Pilotprojekt gegeben, das von der Hochschule Erfurt betreut wird. Bei der Eröffnung zeigt sich: Der Versuch hat noch so einige Skeptiker. Von Sarah Neder 

Das schwarz-orangene Klebeband, das Oberbürgermeister Horst Schneider übers Verkehrsschild an der Herrnstraße pappt, macht’s offiziell: Seit gestern darf in der Fußgängerzone geradelt werden. Die zeitliche Beschränkung der Freifahrt, die hinter den beiden diagonalen Streifen steht, gilt nicht mehr. Ab nun dürfen Radfahrer rund um die Uhr in der Frankfurter, Herrn- und Großen Marktstraße sowie im Kleinen Biergrund und im Salzgässchen unterwegs sein. Zumindest für die nächsten zwölf Monate. Über diesen Zeitraum läuft nämlich die wissenschaftliche Erhebung der Hochschule Erfurt, die neben Leipzig, Gera, Weimar und Erfurt Offenbach als Test-Kommune nutzt. Juliane Böhmer von der Hochschule berichtet, dass im Vorhinein 900 Menschen aus den Zielgruppen, Kunden, Radfahrer und Fußgänger, über die Freigabe befragt wurden. Das Gleiche soll auch zum Ende der Testphase im Frühjahr 2017 passieren. Außerdem haben die Forscher das Verkehrsverhalten der Offenbacher in der Innenstadt beobachtet. Böhmer erläutert: „Dafür haben wir Kameras an drei Knotenpunkten angebracht.“

Die Öffnung des Zentrums soll den Radverkehr in der Stadt stärken, sagt Böhmer. „In Offenbach bildet die Fußgängerzone eine wichtige Verbindung auf der Nord-Süd-Achse.“ Das Vorhaben befürwortet vor allem der passionierte Pedalritter Oberbürgermeister Horst Schneider. „Wir ziehen mit Städten wie Frankfurt, München oder Aschaffenburg gleich“, lobt er den Schritt. Dem Ganzen skeptisch gegenüber steht eine Offenbacherin. Radler im Fußgängerverkehr finde sie bedrohlich. Sie befürchte besonders, dass so mancher Fahrer durch die Öffnung bekräftigt werde, auch sonst überall, wo Menschen gehen, entlang rasen zu dürfen. Auf dem Bürgersteig etwa.

Bußgeld-Katalog: Das kosten Radl-Sünden

Auch Rainer Marx, Vorsitzender des Behindertenbeirats, mahnt zur Vorsicht. Sein Gremium hat sich mit der leitenden Projektbearbeiterin Böhmer zusammengesetzt, um Risiken und Ängste der Betroffenen zu besprechen. Dabei hätten vor allem Blinde und Gehörlose Kritik an der Rad-offenen Zone geäußert: „Die einen hören die Klingel nicht, die anderen sehen den Radfahrer nicht.“ Rücksicht müsse das oberste Gebot sein, meint denn auch ADFC-Vorsitzender Wolfgang Christian. Er betont, dass sein Verein deshalb Aufklärung leisten wolle. Beim offiziellen Termin gestern sind die ADFCler mit einem Info-Stand vertreten, wo sie das Wortspiel „Offenbach fährt fair“ propagieren. Christian sagt: „Wenn Radfahrer und Fußgänger guten Willens sind, kann die Innenstadt geteilt werden.“ Alle Verkehrsteilnehmer müssten eben aufeinander achten.

Lesen Sie dazu auch:

FDP gegen Testphase für Radler

Freie Fahrt für Radler in Fußgängerzone

Wer das nicht freiwillig tut, wird aber auch in Zukunft von der Stadtpolizei angehalten. Ein Beamter zählt die Vorschriften auf: „Radler müssen in Schrittgeschwindigkeit fahren, und es darf niemand auf dem Gepäckträger oder auf dem Lenker sitzen.“ Außerdem ist auch das Fahren ohne Hände verboten. Das wird mit zehn Euro bestraft. Verkehrswachtleiter Leonhard Gallei verspricht, in der Anfangszeit verschärft zu kontrollieren: „Es wäre kein guter Start, wenn sich hier welche wie Rowdies verhalten.“ Wenn die Probezeit in einem Jahr vorbei ist, werden die Stadtverordneten darüber entscheiden müssen, ob die freie Fahrt für Radler weiterhin bestehen darf. Weil dann auch alles wieder auf Anfang gedreht werden kann, wurden die Schilder gestern nur abgeklebt. Und nicht gegen Neue ausgetauscht.

Kommentare