Kritik an Politiker-Vorstößen für Sterbehilfe

Chefarzt warnt vor „Kuckucksei“

Dr. Stephan Sahm, Chefarzt, Krebsspezialist und Experte für Medizinethik des Ketteler Krankenhauses in Offenbach
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Dr. Stephan Sahm, Chefarzt, Krebsspezialist und Experte für Medizinethik des Ketteler Krankenhauses in Offenbach

Offenbach - Der Bundestag will nach der Sommerpause über das umstrittene Thema Sterbehilfe beraten, aber es wird bereits heftig diskutiert. So will eine Gruppe von Medizinern die assistierte Selbsttötung unter strengen Kriterien erlauben.

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Sie löste mit ihren Vorstoß eine heftige und emotionale Debatte aus. Konkret schlagen der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio, der Ethikrat-Vize und Medizinrechtler Jochen Taupitz sowie die Medizinethikern Ralf Jox und Urban Wiesing vor, die Beihilfe zur Selbsttötung zwar grundsätzlich mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe zu belegen. Ärzte sollten aber schwerstkranken Menschen ohne Heilungschance unter strengen Voraussetzungen die nötigen Medikamente verschreiben dürfen. Gesunde alte Menschen sollten Beihilfe zum Suizid ausdrücklich nicht erhalten, da meist psychische Probleme wie Altersdepression im Vordergrund stünden. Dem Vorschlag zufolge sollen zwei Ärzte in die Entscheidung einbezogen sein.

Der Sterbewillige müsse umfassend über seinen Zustand und die palliativmedizinischen Möglichkeiten aufgeklärt werden, freiverantwortlich seinen Wunsch äußern können - und dann noch zehn Tage Bedenkzeit einhalten. Werbung für eine Beihilfe zu Suizid soll strikt verboten sein. Der Vorschlag stieß teils auf harsche Kritik, SPD-Politiker äußerten sich zustimmend. Seit Wochen wird über die geplante neue Regelung zur Suizidbeihilfe diskutiert. Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte- Holtey fragte bei Dr. Stephan Sahm nach. Er ist Chefarzt und Krebsspezialist des Ketteler Krankenhauses in Offenbach; zudem ist er Experte für Medizinethik:

Mit Blick auf die aktuelle Diskussion: Haben Sie auch den Eindruck, dass es auf einmal völlig offen zu sein scheint, wie sich die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten im Herbst positionieren wird?

Das lässt sich derzeit nicht abschätzen. Viele Abgeordnete sind im Urlaub. In diesen Tagen sind diejenigen in den Medien präsent, die den Lebensschutz aufweichen wollen. Ob sie nur ihr Pulver zu vorzeitig verschießen - oder ihre langfristige Lobbyarbeit Erfolg haben wird, muss man abwarten. Im Zeitplan des Bundestages ist eine ausgiebige Diskussion vor und im Gesetzgebungsverfahren vorgesehen. Das Thema sollte nicht voreilig und oberflächlich abgehandelt werden.

SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach will einen Gesetzentwurf auf den Weg bringen, der Ärzten in Deutschland die Beihilfe zum Suizid erlaubt. Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) hat sich ähnlich geäußert. Ärzte, die Schwerstkranken beim Suizid helfen, dürften nicht bestraft werden, sagte er. Wie sieht es in der Ärzteschaft aus; ist sie in dieser Frage noch geschlossen?

Zunächst vermischt Herr Lauterbach Sterbehilfe und Suizidhilfe. Will er der Gesellschaft ein Kuckucksei präsentieren? Will er aktive Sterbehilfe? Aber zu Ihrer Frage: Die Mehrzahl der Ärzte lehnt dies mit gutem Grund ab. Menschen, die an eine Selbsttötung denken, sind in einem hohen Maße ambivalent. Zudem neigen suizidgefährdete Personen zur Nachahmung. Das zeigt die Suizidforschung, etwa nach dem Tod des Torwarts von Hannover 96. Die Suizidrate stieg dramatisch an. Wer Suizidhilfe anbietet, treibt Menschen in der Krise zum dann nur fälschlich als Freitod bezeichneten Suizid.

Was wünschen Sie sich denn, wenn ab September im Bundestag über eine Gesetzesreform und die Grenz- und Grauzonen am Ende des Lebens diskutiert wird?

Ich wünsche mir eine offene Diskussion. Sie wird hoffentlich auch die Erkenntnisse der Suizidforschung berücksichtigen. Die sind bisher überhaupt nicht bekannt. Man hantiert mit Fallgeschichten, meist von Krebspatienten. Dabei zeigt die Forschung: Es sind gerade nicht diese Patienten, die um Suizidhilfe bitten. Mit anderen Worten, die Debatte läuft bisher falsch.

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