Europa nimmt Tote in Kauf

Kommentar: Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer

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Es ist eines jener Bilder, die sich unauslöschlich in die Seele brennen: Ein Mann mit Helm und Rettungsweste hält ein Flüchtlings-Baby auf dem Arm. Im ersten Moment ist die Szene anrührend, beim Blick auf die Bildzeile kommt dann das Entsetzen: Das Baby, das friedlich zu schlafen scheint, ist tot. Es ist eines von etwa 3000 Todesopfern im Mittelmeer in den letzten drei Monaten. Von Frank Pröse

Wir registrieren 3000 Tote, weil sich die Europäer in Flüchtlingsfragen nicht einig sind. Und es gäbe noch mehr Opfer, wenn sich nicht ein halbes Dutzend private Hilfsorganisationen neben italienischer Küstenwache, Marine und den Aktionen verschiedener Staaten unter dem Dach von Frontex als Retter auf hoher See bewähren würden. Deshalb stehen den 3000 Ertrunkenen im gleichen Zeitraum 40.000 gerettete Flüchtlinge gegenüber. Die Zahl unterm Strich erklärt vielleicht die weit verbreitete Gleichgültigkeit dem Drama im Mittelmeer gegenüber, sie taugt jedoch nicht für eine Reinigung des Gewissens. Denn immer noch ertrinkt jeder 23. Flüchtling, der versucht, über Libyen und unser aller Ferienmeer nach Europa zu kommen.

Die Regierungen in den vermeintlich zukunftssicheren Zielen organisieren derweil die Abwehr der Flüchtlingsschwemme, sind weit davon entfernt, legale Wege nach Europa zu schaffen, wie es die Hilfsorganisationen als Alternative zur Rettung Schiffbrüchiger fordern, damit niemand auf die nicht hochseetauglichen Schlepper-Schlauchboote muss. Das mag ja umstritten sein, doch was ist mit den Alternativen: Die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber funktioniert nicht, das Abarbeiten von Anträgen an der afrikanischen Küste wird oft diskutiert, nie ernsthaft angepackt. Und schließlich sind Äußerungen wie „wir müssen die Verhältnisse in den Ursprungsländern verändern“ oder „wir müssen den Schleppern das Handwerk legen“ nichts als leere Worthülsen. Dabei ließe sich mit allen diesen Vorschlägen und einer gerechten Quotenregelung in Europa durchaus eine Flüchtlingspolitik betreiben, die keine inhumane Logik zur Grundlage hat.

UN-Flüchtlingshilfswerk: 700 Migranten in einer Woche ertrunken

Weil Europa sich aber eben nicht bewegt, nimmt das Drama seinen Lauf: Lebende retten, Tote bergen. Immer weiter. Die Alternative wäre das menschenfeindliche Kalkül, alle ertrinken zu lassen, damit sich unter Migrationswilligen herumspricht, dass die Überfahrt sinnlos ist. Oder die hohe Schule der Ignoranz, weil wir doch ohnehin dem Übel in aller Welt gegenüber machtlos sind. Es gibt jedoch Grenzen bei dieser Art von Verdrängungsroutine, sonst wird es für die Menschheit gefährlich.

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