Gefahr der Überreaktion

Kommentar: Die Anschläge in Deutschland

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Jochen Koch.

Paris, Brüssel, Nizza, Würzburg, München, Ansbach. Terror und Anschläge sind jetzt mitten unter uns. Gewalt kann uns überall treffen – in der Stadt, in der Metropole ebenso wie in der Provinz. Die Angst ist da. Und die Gewissheit: Es gibt keine absolute Sicherheit. Von Jochen Koch 

Jeder kann Opfer eines Terroranschlags werden, immer und überall. Das Gefühl von Machtlosigkeit hat das Gefühl der Sicherheit für viele Menschen verdrängt. Es sind vor allem die Willkür und die Zufälligkeit der Anschläge, die Angst und Furcht verbreiten, und unsere Gesellschaft verändern.  Schon vor den Anschlägen von Würzburg, München und Ansbach fürchteten sich laut einer Umfrage fast drei Viertel der Befragten vor Terrorismus. Erstmals steht Terrorismus damit an der Spitze der Bedrohungen hierzulande. Dabei wurden Deutschland und Europa schon seit den 70er-Jahren immer wieder von fürchterlichen Anschlägen erschüttert. Rote Armee Fraktion in den 70er Jahren, zuletzt der NSU, ETA in Spanien, IRA in Nordirland und andere ermordeten mehr als 6 000 Menschen. Aber früher brauchte der Terror eine Organisation. Jetzt ist eine neue Situation eingetreten.

Der Islamische Staat radikalisiert vor allem Männer in aller Welt mit Hassbotschaften und Lügen, die er über das Internet verbreitet. Einzeltäter tappen in die Ideologie-Fall des IS, werden in wenigen Tagen radikalisiert. Amokläufer, ob mit oder ohne islamistischen Hintergrund, sind kaum zu stoppen. Man darf sich keinen Illusionen hingeben: Es gibt in dieser Welt zu viel Hass, zu viel Verblendung und zu viel Verachtung für anders Denkende und es wird weitere Anschläge geben. Aber die Angst darf eine freie Gesellschaft, in der es niemals hundertprozentige Sicherheit geben wird, nicht lähmen. Wir sollten weiter Fußballspiele, Konzerte, Einkaufszentren besuchen. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, so schwer das in diesen Tagen auch fallen mag.

Natürlich ist die Sehnsucht nach Kontrolle und Sicherheit verständlich. Und die Rufe nach Verschärfung des Waffenrechts, mehr Mittel für die Polizei, Einsatz von Soldaten und neuen Anti-Terror-Gesetzen kamen sofort. All das muss geprüft werden und es müssen präventive Maßnahmen getroffen werden. Wobei der Blick nach Belgien und Frankreich zeigt, dass auch extreme Veränderungen, bis hin zum Ausnahmezustand, keine Garantie für mehr Sicherheit bieten.

Die größte Gefahr nach Terroranschlägen besteht in einer Überreaktion. Es verwundert und erschreckt, wie skrupellos Sympathisanten des rechten Lagers mit ihren dumpfen Parolen sofort versuchen, politisches Kapital aus den furchtbaren Ereignissen zu ziehen. Jetzt muss es gelingen, der Bedrohung für unsere Gesellschaft mit der nötigen Konsequenz, aber auch mit dem richtigen Augenmaß entgegenzutreten. Damit die Angst nicht zum ewigen Wegbegleiter wird.

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