Reimanns „Gespenstersonate“

Und vergib uns unsere Schuld

Vergebliche Liebesmüh’: Student Arkenholz (Alexander Mayr) wirbt um das Fräulein (Barbara Zechmeister) - Foto: Wolfgang Runkel
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Vergebliche Liebesmüh’: Student Arkenholz (Alexander Mayr) wirbt um das Fräulein (Barbara Zechmeister)

Frankfurt - In Aribert Reimanns „Gespenstersonate“ auf einen Text von August Strindberg geht es um schuldhafte Verstrickungen von Untoten und ganz Lebendigen. Von Klaus Ackermann

Der britische Regisseur Walter Sutcliffe hat das Psychodrama jetzt zwischen Alptraum und Groteske im sachlichen Ambiente des Bockenheimer Depots herausgebracht. Ideal abgestimmt ist Reimanns zwischen Sein und Schein schwebende Musik vom jungen Kapellmeister Karsten Januschke und einem Ensemble des Opernhaus und Museumsorchesters. Und selbst als „Mumie“ zeigt Anja Silja starke Bühnenpräsenz.

Eine Villa im Puppenhaus-Format, ebenso wie Stühle und Sessel einer Gespenster-Gesellschaft auf der mittig zwischen den Publikumsrängen platzierten Bühne wie von Geisterhand bewegt (Ausstattung: Kaspar Glarner). Höchst lebendig wirkt da der greise Direktor Hummel, der im Rollstuhl den Studenten Arkenholz für sich einnehmen will, den das Haus fasziniert und dem das dort befindliche Fräulein als Braut avisiert wird.

Reimanns Musik spannt nach giftiger Bläser-Intro ein dichtes Netz an kleinteiligen Motiven, in steter Bewegung, aber ohne stabilen Grund, aus dem sich fein ziselierte melodische Linien erheben, wenn der Student - er hat die Fähigkeit Tote zu erkennen - jenes Milchmädchen erblickt, das Hummel in den Tod getrieben hat, um ein eigenes Verbrechen zu vertuschen. Eine Art Tonleiter des Schreckens, wenn der Leidensdruck durch gläserne Flageoletts der Streicher und harte Bläser-Schläge verstärkt wird, die wie das unerbittliche Pendel einer Uhr wirken.

Stimmliche Schärfe

Mehr Deklamation als Gesang, wichtige Worte werden sogar gesprochen, allenfalls ein mildes Arioso fällt in diesem seltsamen musikalischen Gemenge, in dem auch ein schepperndes Harmonium klanglichen Spuk bewirkt. Und wenn Anja Silja ihren Wandschrank verlässt, dessen Eingang sich im Bühnenboden befindet, wird aus der geisterhaften Demaskierung einer in Lebenslügen gefangenen Gesellschaft großes Theater. Mit stets fundierter stimmlicher Schärfe, angelegentlich ins Groteske gesteigert, rechnet der Wagner-Sopran ab, an ihre in jungen Jahren gefertigte Statue lehnend. Die Liebesnacht mit Hummel - und mit Folgen - hat sie nie verwunden, obwohl sie zu ihrem Ehemann zurückkehrte. Dieser Oberst, von Tenor Brian Galliford so schneidig wie stimmlich nachhaltig dargestellt, hat das Fräulein als Tochter angenommen und liegt im Clinch mit dem leiblichen Vater.

Aufklärung betreiben beim „Gespenster-Souper“ mit etlichen Untoten die stimmlich aalglatten Diener Johansson (Hans-Jürgen Schöpflin) und Bengtsson (Björn Bürger), der Hummel des Mordes am Milchmädchen beschuldigt: Bariton Dietrich Volle ist ein auch stimmlich großartiger Spielgestalter, der leidet, wie er seine Opfer umgarnt und schuldbewusst in die Arme der „Mumie“ sinkt, die ihn in den Wandschrank verfrachtet - mit der Anweisung sich aufzuhängen.

Im blütenweißen „Hyazinthenzimmer“, einem hölzernen Käfig, bleiben vom Geisterspuk nur noch der Student und das Fräulein übrig. Alexander Mayr gibt diesen Arkenholz beflissen und mit einem kernigen Tenor. Während Barbara Zechmeister als „Fräulein“ die lyrischen und dramatischen Tugenden ihres Soprans wie abgezirkelt einbringt. Beider Annäherung verhindert die tyrannische, Innereien ausquetschende Köchin - Altistin Stine Marie Fischer tut’s mit hintergründigen Humor.

Lang anhaltender Beifall, den der Berliner Komponist freudestrahlend entgegennimmt. Schließlich ist Frankfurt nach drei Inszenierungen ein Hort der Reimann-Pflege. Und das ist gut so!

Noch am 29. und 31. Januar sowie am 1., 2., 4., 6. und 8. Februar. Karten unter 069/212-49494

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