Fast vergessenes Handwerk:

Bausteine aus Lehm gebrannt

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Willi Spiehl an dem Ort in den Bachwiesen, an dem sein Großvater einst Steine im Feldbrandverfahren hergestellt hat

Babenhausen - Backstein-brennereien säumten einst das Ufer der Gersprenz. In ihnen wurde aus Lehm Baumaterial gebrannt. Feldbrand nannte sich die Handwerkskunst. Von Walter Kutscher 

Vor rund 100 Jahren wurde ein heute fast vergessenes Handwerk im Bereich der Gersprenz zwischen Hergershausen und Sickenhofen letztmals ausgeübt: das Herstellen von Ziegeln und Backsteinen. Über 600 Jahre betrieben dies verschiedene Familien, so schreibt es Adolf Sahm im Büchlein „Die Ziegelhütten von Babenhausen“, erschienen im Jahr 1987, dem17. Band des Heimat- und Geschichtsvereins Babenhausen.

In den Bachwiesen, einer Gemarkung südlich der Gersprenz zwischen Hergershausen und Sickenhofen, befand sich so eine Backsteinbrennerei. Die Sickenhöfer Wendel Seliger und Philipp Spiehl hatten um 1871 eine bescheidene Produktionsstätte gegründet, da die geologische Zusammensetzung des Bodens die passenden Voraussetzungen für den „Feldbrand“ schufen. Nach Beseitigung des Mutterbodens wurde Lehm gewonnen, der im Hausbau Verwendung fand, sei es in Verbindung mit Stroh als sogenannte „Stickstecken“ zum Ausfüllen der Fachwerkzwischenräume oder als Material zum Hausdeckenbau. Aber der Werkstoff wurde auch zu Steinen weiterverarbeitet, was in Ziegelhütten oder im Feldbrand erfolgte.

Der 92-jährige Willi Spiehl aus Sickenhofen erinnert sich noch an die Arbeiten, denn sein Großvater war neben dem „Russen-Hannes“ der letzte Sickenhöfer Ziegler, der den Feldbrand betrieb. Der abgestochene, feuchte Lehm wurde in Holzrahmen gepresst, um die Backsteinform zu erhalten und wurde danach zum Trocknen aufgeschichtet. Nach diesem etliche Wochen dauernden Vorgang wurde schließlich mit dem Brennen oder Backen begonnen. Dazu bauten die Ziegler die Steine ähnlich einem Holzkohlenmeiler auf und streuten zwischen jede Schicht Kohlengrus. Langsam und stetig fraß das Feuer sich so durch die einzelnen Lagen und alle Steine, egal ob außen oder in der Mitte der Pyramide, wurden gleichmäßig gebrannt.

Die Anlage eines solchen Feldbrandmeilers erforderte viel Geschick und eine langjährige Erfahrung hinsichtlich der benötigten Kohlenmenge und der innerhalb des Meilers angelegten Zwischenräume, die für die richtige Belüftung sorgten. Einen solchen Meiler aufzubauen dauerte drei bis fünf Wochen bei einer Menge zwischen 200 000 und 500 000 Steinen.

Nach dem Brand wurde das fertige Produkt mit Fuhrwerken zu den Bestellern oder zum Bahnhof in Hergershausen oder nach Babenhausen gebracht und dort in Güterwagen verladen. Nach 1924 wurde der Abbau des Lehms eingestellt und die Feldbrandmeiler gehörten der Vergangenheit an. Gründe dafür waren die erschöpften Lehmvorkommen und das Aufkommen der maschinellen Steinfertigung, denn die war wesentlich effektiver.

Wiederholt ist in den Überlieferungen und Erzählungen von Willi Spiehl von den „Sickenhöfer Russen“ die Rede. Nun gehen hier die Mutmaßungen auseinander, welchen Ursprung diese Bezeichnung hat. Zum einen gibt es nördlich von Sickenhofen ein Waldgebiet, das den Flurnamen „Rusland“ trägt. Ob dies darauf hinweist, dass hier einst auch eine Feldbrandziegelei stand oder auch ein Bezug zu Russland herzustellen ist, bleibt fraglich.

Eine andere plausible Deutung bezieht sich auf den Ruß, der beim Brand der Steine durch die Kohle entstand. Die Arbeiter am Meiler waren tagelang von den schwarzen Rückständen umgeben und sahen entsprechend aus. Ein anderer überlieferter Name lautet „Russen-Kolb“ und gemeint ist damit der 1965 verstorbene Philipp Kolb aus Babenhausen. Hier bringt Adolf Sahm in seiner Denkschrift noch einen Hinweis auf vielfach im Feldbrand beschäftigte russische Taglöhner.

Wenn man sich heute das Gelände neben der 1925 errichteten Brücke am Pflasterweg Richtung Zwitscherklause und auch die Wiesen bei der Ziegelhütte näher betrachtet, so sind besonders außerhalb der Vegetationszeit deutlich die Vertiefungen im Gelände zu sehen, die durch den Abbau des Lehms entstanden sind. Zu jener Zeit war auch die Gersprenz noch in ihrem ursprünglichen Bett unterwegs, da die Begradigung erst um 1940 erfolgte. Dies verlief nicht schnurgerade, sondern das Flüsschen floss in den Wiesen zwischen der Langfeldsmühle und Sickenhofen in einigen Mäandern in Richtung Babenhausen und hatte über die Jahrtausende die Sedimente abgelagert, aus denen sich der Lehm gebildet hatte.

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