Heilen mit Pinsel und Farbe

Eine Puppendoktorin braucht kein Skalpell

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Sabine Krautwurst macht Puppen nicht nur heile, sondern kleidet sie auch an. Ihr Laden in der Wilhelm-Leuschner-Straße in Schaafheim ist Sprechzimmer und Modeboutique zugleich.

Schaafheim - Handwerkliches Geschick statt Medizinstudium: Sabine Krautwurst versorgt lädierte Puppen, manchmal auch leidgeplagte Teddybären. Viele Patienten kommen aus dem Umkreis, einige per Post von weiter her.

Arm ab, Bein ab – und nun? Puppendoktorin Sabine Krautwurst weiß Rat. Kleine Körper ohne Gliedmaßen sind noch die harmloseren Gebrechen ihrer Patienten. Sowas ist schnell repariert. Pinzette, Zange und Haken – viel Werkzeug braucht die Expertin nicht. Lose Arme macht sie wieder fest, indem sie einen Gummi austauscht. Quer durch den Rumpf gespannt, hält er beide Schultern am Körper. Aufwendiger sind da die Platzwunden am Kopf, häufige Nebenwirkungen von wackeligen Beinen, auf denen die Puppen nicht mehr sicher stehen. Zur Behandlung muss Spachtelmasse her, außerdem ein Pinsel und lösungsfeste Farbe. „Gar nicht so leicht, den treffenden Hautton zu mischen“, sagt sie.

Und auch an das richtige Blond oder Braun für Haare und Augenbrauen muss sie sich erst rantasten. „Ist aber kein Problem“, versichert sie. Bisher wurden fast alle heil, auch schwierige Fälle mit Abschürfungen übers ganze Gesicht. Im Regal warten die Genesenen auf ihre Besitzer. Meist sind es Frauen, die vor 40 oder 50 Jahren mit den Puppen gespielt haben. Neue Modelle wie Barbie oder Baby born sind eher selten dabei, dafür hin und wieder ein Teddybär. „Diese hier“, sagt Krautwurst und zeigt auf ein dickbauchiges Exemplar, „ist sogar schon 80 Jahre alt.“ Das verrät allein der gut genährte Körperbau. Einen Stempel mit Jahreszahl braucht ihr geschultes Auge nicht, um den Herstellungszeitraum zu benennen. Aufschluss gibt außerdem das Material.

„In den 1930ern begann die Produktion von Puppen aus Zelluloid“, weiß Krautwurst. Ältere Exemplare waren entweder nur aus Stoff genäht oder hatten ein Haupt aus Pappmaschee. Nur wer viel Geld hatte, leistete sich Puppen mit einem Kopf aus Keramik oder – noch teurer – Porzellan. Heute fängt das massentaugliche Zelluloid von anno dazumal zu bröckeln an. Trockene Luft und der Zahn der Zeit haben es porös gemacht. Eine fachgerechte Lagerung kann dem entgegenwirken. Absolut ungeeignet sei der Dachboden – der wohl klassischste Ort zur Aufbewahrung alter Spielsachen, „aber leider viel zu trocken“, warnt Krautwurst. Woher sie all das weiß? Im Alter von 25 Jahren kaufte sie sich die ersten Puppen für ihre Sammlung, die mittlerweile so viele Exemplare zählt, dass sie die genaue Zahl gar nicht beziffern kann.

Wie werde ich..? Spielzeugmacher

 „Wie das so ist, war nicht jede Puppe in bestem Zustand. Also habe ich angefangen, sie zu reparieren. Eine ältere Dame aus Groß-Umstadt hat mir gezeigt wie’s geht“, erzählt sie. Seither habe sie aber auch gelernt: „Es kann leider nicht jedem Puppenkind geholfen werden.“ So nützt bei mancher Blessur nur noch ein Kleidchen nach Maß, das den Schaden hübsch überdeckt. Dann wird das Sprechzimmer der Puppendoktorin im Handumdrehen zur Modeboutique. Sollte unter den Einzelstücken im Miniaturformat nichts passendes dabei sein, auch zur Schneiderei.

Show der Puppen und Bären

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