Wie funktioniert eigentlich das große, laute Kircheninstrument?

Ein großer Pappkarton mit Löchern

+
Organist Ludwig Seel zeigt Kindern sein Instrument in der Stadtkirche und spielt Stücke aus der Oper „Aida“

Babenhausen - Die Oper ist eine bedeutsame Musikgattung, die Orgel gilt als Königin unter den Instrumenten. Beides durften Kinder am Samstagmorgen in einer außergewöhnlichen Verbindung in der Stadtkirche kennenlernen. Von Michael Just

In der Regel tragen alle Orgelspieler eine Tasche, wenn sie zur Arbeit gehen. Doch was ist da genau drin? Vor 15 Paar Kinderaugen lüftete nun Ludwig Seel, der Organist der evangelischen Kirchengemeinde, das Geheimnis: Noten, Arbeitsschuhe und zu besonderen Anlässen eine Orgelpfeife im Miniaturformat. Seine Tasche öffnete der Musiker bei „Aida und Orgel für Kinder“, einer Veranstaltung der evangelischen Gemeinde, die Pfarrer Dr. Frank Fuchs organisiert hatte. Als außergewöhnlicher Treffpunkt war die Orgelempore der Stadtkirche angesetzt, wo es eng aber gemütlich zuging. Die Grundidee kam ursprünglich von Waldemar Jeske: Das Mitglied der Kirchengemeinde ist ein ausgesprochener Opernfan und hat große Werke schon in Verona oder Bregenz erlebt. „Warum berühmte Opern-Inhalte nicht mal Kindern näherbringen?“, sagte sich der Babenhäuser im Ruhestand und trug diesen Vorschlag an den Pfarrer heran. Als Giuseppe Verdi-Fan besitzt Jeske einen unterhaltsamen Zeichentrickfilm für Kinder, der den Inhalt der Oper „Aida“ thematisiert. Damit war bereits eine Grundlage geschaffen. Da nur Video schauen zu wenig ist, reifte beim Pfarrer noch die Idee, ein Stück aus „Aida“ auf der Orgel zu spielen und im Anschluss den Kindern das Kircheninstrument bei einer Kurzeinführung näherzubringen.

„Die Oper Aida entstand 1869 für die Eröffnung des Suez-Kanals in Ägypten“, berichtete Jeske. Auch über deren Schöpfer, Giuseppe Verdi, weiß der über 80-Jährige Bescheid: „Er war ein sozial engagierte Mensch, der unter anderem eine Wohnanlage für mittellose Musiker im Alter schuf. Diese Anlage gibt es heute noch.“ Der Zeichentrickfilm war nah an die Handlung der Oper „Aida“ angelegt. Sie handelt von einer äthiopische Königstochter, die als Geisel an den ägyptischen Königshof verschleppt wird. Der ägyptische Heerführer Radames verliebt sich in sie, was ihn mit anderen Geschehnissen zum Verräter macht. Als er das mit dem Leben bezahlen soll, folgt ihm Aida, die inzwischen frei ist, aus Liebe in den Tod. Die Handlung war im Kurzfilm etwas leichter und mit einem Happy-End aufgearbeitet. Für Simon (11) hielt der reichlich neue Erkenntnisse parat: „Ich habe Aida bisher nur als Schiff gekannt“, sagte der Schüler.

Neuer Wohlklang für Kirchenorgel

Danach setzte sich Ludwig Seel an die Orgel und ließ Aidas Triumphmarsch erklingen. Dabei konnten ihm die Kinder direkt auf die Hände und Füße schauen. Zuvor hatte Seel erklärt, was in seiner Tasche ist. Neben den Noten sind die Arbeitsschuhe das wichtigste Utensil. Sie werden benutzt, um nicht mit unsauberen Straßenschuhen auf dem teuren Instrument zu spielen. Trotz der glatten Unterseite ist die Beschaffenheit der Sohle so, dass die Füße nicht von den Pedalen abrutschen. Die kleine Orgelpfeife hatte er zum Veranschaulichen im Gepäck: „Die Orgel müsst ihr euch vorstellen wie ein großer Pappkarton mit Löchern, auf die die Pfeifen gesetzt werden. Zusätzlich leitet ein Schlauch Luft in den Karton, was zum Enstehen der Töne führt“, erklärte der Organist. Die Wirklichkeit sei, mit Ventilen oder Motoren zum Pumpen der Luft, etwas komplizierter. Ebefalls wichtig: Die Tonvielfalt kommt durch Pfeifen verschiedener Länge. Die Größen können von wenigen Zentimetern bis zu mehreren Metern reichen. So weiß Seel von einer acht Meter langen Pfeife in Deutschland, für die zum Einbau sogar extra das Kirchendach abgedeckt wurde. Der Standort der größten Domorgel der Welt ist Passau mit fast 18 000 Pfeifen.

Der Babenhäuser ist derzeit der einzige Organist in der evangelischen Gemeinde. Ist er krank oder im Urlaub, muss sich Pfarrer Dr. Frank Fuchs nach einer Ersatzverpflichtung aus der Gegend umschauen. So diente die kurze Orgeleinführung auch dazu, bei den Kindern Interesse für das Kircheninstrument zu wecken. Im Vorteil ist, wer bereits Klavier spielt: Dem fällt das Orgelspiel leichter als Direkteinsteigern. Seel macht das Orgelspiel nicht nur Spaß, sondern verleiht auch Stolz: „Immerhin gilt die Orgel als die Königin unter den Instrumenten.“

Kommentare