Gesundheit für die Seele

Hausärztinnen erforschen in Indien ganzheitliche Medizin

Die Schwestern Constanze (links) und Annette Hermann betreiben gemeinsam eine Praxis für ganzheitliche Medizin. Dass sie ihr Wissen aus Indien haben, ist an der Dekoration – wie einem goldenen Buddha – ersichtlich.
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Die Schwestern Constanze (links) und Annette Hermann betreiben gemeinsam eine Praxis für ganzheitliche Medizin. Dass sie ihr Wissen aus Indien haben, ist an der Dekoration – wie einem goldenen Buddha – ersichtlich.

Babenhausen - Patienten, die zu Annette und Constanze Herrmann kommen, werden als ganze Menschen gesehen – bestehend aus einer Einheit aus Körper, Geist und Seele. In langjähriger, eigenständiger Weiterbildung erwarben sie Kenntnisse auf allen drei Ebenen, die sie jetzt in ihrer täglichen Arbeit einbringen. Von Corinna Hiss 

Zu den beiden Schwestern kommen Menschen mit allen möglichen Beschwerden. Der eine leidet an Allergien, der andere wird von ständigen Blasenentzündungen geplagt, wieder ein anderer klagt über anhaltende Rückenschmerzen: Chronische Krankheiten sind in unserer Gesellschaft keine Seltenheit, sie wirklich zu heilen ist meist schwierig bis unmöglich. Davon können auch die Ärztinnen ein Lied singen, immerhin betrieben sie jahrelang eine allgemeinmedizinisch-internistische, kassenärztliche Hausarztpraxis in Babenhausen.

Bis zu 100 Patienten pro Tag wollten dort angeschaut und behandelt werden. Der Wunsch, tiefer zu gehen und dem Patienten mehr Zeit zu widmen, blieb dabei oft auf der Strecke. „Man gibt eine Tablette oder eine Spritze, die Schmerzen gehen kurzfristig weg und kommen wieder. Dann geht alles von vorne los.“ Für Annette Herrmann, die sich bereits früh mit alternativen medizinischen Methoden wie Akupunktur befasst hatte, kristallisierte sich immer mehr heraus, dass die traditionelle Schulmedizin innerhalb des kassenärztlichen Systems alleine nicht ausreicht. „Ich fragte mich immer wieder: Wie kann ich nachhaltiger helfen?“, erzählt sie.

Auf der Suche nach Alternativen stießen die Ärztinnen auf eine Universität in Indien, an der ein Meister uraltes Wissen über die Seele lehrte. „Dass uns unser Weg nach Indien führen sollte, hätten wir nicht gedacht“, erinnert sich Anette Herrmann lachend. Und doch reifte in beiden Schwestern der Wunsch, an jener Universität über das tiefste Innere im Menschen mehr zu erfahren. Dass Krankheiten und Leiden häufig der Ausdruck viel tiefliegender Probleme sind, davon sind beide überzeugt. „Organisch ist oft alles in Ordnung und doch haben Patienten Schmerzen. Dafür muss es doch auf einer anderen Ebene eine Ursache geben“, sagt die Ärztin.

Die Entscheidung, ihre Hausarztpraxis in den Steinäckern zu schließen, fiel den Humanmedizinern, die sechs Jahre Studium und fünf Jahre Facharztausbildung absolviert hatten und zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre selbst in der Praxis arbeiteten, wahrlich nicht leicht. Doch nachdem sich nach einjähriger Suche kein Nachfolger gefunden hatte, wollten sie nicht länger warten. Sie brachen ihre Zelte in Babenhausen ab und begannen ihre Studien an der Seelenuniversität in Indien.

Die rund fünf Jahre dort waren alles andere als Urlaub. Die Babenhäuserinnen reisten nicht herum oder entspannten gar am Strand: Intensives Studium gemeinsam mit Schweizern, Engländern und Amerikanern umfasste voll und ganz ihren Alltag. Auch heute wissen Annette und Constanze Herrmann, dass Indien nur eine Station in ihrem Leben war. „Unsere Zeit dort diente einzig und allein dem Studium. Wir hatten nie vor, dort dauerhaft zu leben“, sagt Anette Herrmann. Als sie tief in die Lehren über die menschliche Seele eingeweiht waren, ging es daher zurück.

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Wieder daheim, war klar: In dem kassenärztlichen System ist kein Raum für tiefgreifende Heilung. „Die Schulmedizin allein reicht einfach nicht aus. Es braucht eine Medizin, die neben dem Körper auch den Geist und die Seele des Menschen mit einbezieht.“ Also öffneten sie erneut ihre alten Räumlichkeiten und verwirklichten ihr Konzept der ganzheitlichen Medizin auf privater Basis. „Wir sind keine Heilpraktiker, sondern Ärzte“, betonen beide. „Wir kennen die Grenzen der Schulmedizin genauso wie die der alternativen Medizin.“ Sie verstehen unter einer ganzheitlichen Medizin eine Heilkunst, die sich dem Körper, Geist und Seele des Menschen widmet und dabei die Schulmedizin und alternative Heilmethoden vereint. „Es ist großartig, was die Schulmedizin bislang erreicht hat und wie insbesondere die Notfallmedizin den Menschen kostbare Zeit verschafft“, sagt Herrmann. Mittlerweile haben sich die Schwestern einen Namen über die Stadtgrenzen hinaus gemacht. Ihr Engagement endet nicht bei Krankheiten. Sie wollen dazu beitragen, dass die Menschen erst gar nicht krank werden und setzen auch auf umfangreiche Vorsorge und Gesunderhaltung. Viele Kassenpatienten lassen sich bei ihnen gründlich durchchecken – und das auf eigene Kosten.

Der Blick hinter das Symptom sei als Chance gegen die allgegenwärtige Angst vor Krankheiten zu sehen. „Es ist wichtig, die Brücke zwischen Körper und Seele herzustellen. Nur so empfinden wir gesundheitliche Probleme nicht mehr als Schicksal, sondern erhalten Zugang zu einer inneren, sinnstiftenden Ebene, aus der die Kraft für die eigene Heilung wächst.“ Denn eines wissen sie genau: Wenn die Seele lacht, ist alles möglich.

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