Jürgen Rademer liebt seinen Beruf als Milchbauer, doch das Geschäft lohnt kaum

„So kann das nicht weitergehen“

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Stolz posiert der Babenhäuser Milchbauer Jürgen Rademer mit Kuh Irene, Liebling von Tochter Lilli. Alle Milchkühe, die einmal gekalbt haben, bekommen bei den Rademers einen Namen.

Babenhausen - Milch ist die Haupteinnahmequelle von Jürgen Rademer aus Babenhausen. Wie anderen Milchbauern in Deutschland machen auch ihm die viel zu günstigen Preise, die die Molkereien pro Liter bezahlen, das Leben schwer. Von Katrin Muhl 

Wir haben ihn auf seinem Hof besucht und mit ihm über den Lösungsvorschlag gesprochen, der am Montag aus den Gesprächen beim „Milchgipfel“ in Berlin hervorgegangen ist. Jürgen Rademer (46) hält durch. Seit Jahren schon ist er der einzige Landwirt in der Kernstadt, der das Geschäft mit der Milch noch nicht aufgegeben hat, obwohl es sich immer weniger lohnt – derzeit überhaupt nicht. Zahlten die Molkereien vor zwei Jahren noch 40 Cent für einen Liter Milch, sind es heute nur noch 20. „Das ist zu wenig, viel zu wenig“, klagt Rademer, denn um kostendeckend wirtschaften zu können, wären mindestens 35 Cent nötig. Ein Zubrot verdient er durch Getreideanbau und die Aufzucht von Jungtieren, die später verkauft werden.

Wegen der drastisch gesunkenen Preise sollen deutsche Landwirte nun mindestens 100 Millionen Euro als Entlastung vom Bund bekommen. Das sagte Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU), nachdem er beim „Milchgipfel“ am Montag in Berlin Gespräche mit Vertretern von Handel, Molkereien und Bauern geführt hatte. Rademer hält davon wenig. „Eine Einmalzahlung packt das Problem nicht am Schopf“, sagt er, „besser wäre es, die Milchmenge zu reduzieren, um den Preis nachhaltig zu stabilisieren.“ Der viel zu billige Milchpreis kommt durch sinkende Exporte nach China, das Handelsembargo gegen Russland und die anhaltende Überproduktion zu Stande. Zusätzlich ziehen Handelsketten und Molkereien alle Register, um die Preise weiter zu drücken.

„So kann das nicht weitergehen“, urteilt Rademer, der jungen Menschen angesichts der schwierigen Situation nur davon abraten kann, in seine Fußstapfen zu treten. „Dabei liebe ich die Arbeit hier mit den Kühen, auch sonntags, an Weihnachten und an Neujahr. Hätte ich damit nur ein Auskommen“, sagt er und klingt dabei ein bisschen niedergeschlagen. Verständlich, denn mit den Milchpreisen sinken nicht die Fixkosten, die ein Betrieb wie der von Rademer tagtäglich verschlingt. Das Verschlingen ist hier wörtlich zu verstehen. Zu den Kosten von Pacht, Personal und Maschinen kommen immense Mengen Futter, die bezahlt werden wollen. Jede der 78 Babenhäuser Milchkühe – daneben Kälber, Jungtiere und Bulle Emil – frisst am Tag eine 50-Kilogramm-Portion der von Rademer selbst zusammengestellten Futtermischung. In den „Eintopf“, wie sie der Landwirt nennt, kommen Maissilage, Grassilage und Getreide aus eigenem Anbau, außerdem Biertreber, Zuckerrübenschnetzel, Rapsschrot und Minerale.

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Aus einem gelben Sack holt Rademer eine Hand voll Körnchen heraus. „Sieht aus wie Sand, es sind aber Minerale“, erklärt er, „Calcium, Phosphor, Magnesium und Natrium.“ Würde er die Stoffe nicht zusätzlich füttern – 200 Gramm pro Kuh und Tag – wären die üblicherweise rund drei Gramm Calcium in einem Liter Milch nicht drin. Melkzeit ist um viertel vor sieben in der Früh, dann wieder um 17.30 Uhr. Für rund zwei Stunden läuft dann die moderne Melkanlage, pumpt die Rohmilch in einen 5 000 Liter fassenden Tank. Zwischen den Melkzeiten laufen Rademers Milchkühe, die er alle beim Namen kennt, frei im Stall herum oder ziehen sich zum Dösen auf Gummimatten, die mit mit Schaumstoff und Stroh gepolstert sind, zurück. Bei gutem Wetter dürfen sie auf die grüne Wiese gegenüber, ansonsten schnappen sie Luft auf dem Balkon, der mehreren Kühen gleichzeitig Platz bietet und mit einer sich drehenden Bürste ausgestattet ist, an denen die Tiere Kopf, Rücken und Hinterteil kratzen können – Wellness für Kühe.

Alle zwei Tage kommt ein Tankwagen und bringt die Milch in die Molkerei. Dort wird sie in Packungen gefüllt oder zu Joghurt und Käse verarbeitet, den auch Rademer erst im Supermarkt wiedersieht. „Mein Lieblingsjoghurt kostet dort 29 Cent, ganz unabhängig vom Milchpreis, den wir Bauern bekommen. Das verwundert mich. Wie kann das sein?“, fragt er kopfschüttelnd. Milch zum Selberzapfen gibt es bei Rademers Milchtankstelle, Langenbrücker Weg 8.

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