Baumfrevel hat schwerwiegende Folgen

Linde am Bahnhof stirbt ab

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Der stattliche Baum am Langstädter Bahnhof wird die massive Schädigung wohl nicht überleben.

Langstadt - Wer auch immer der stattlichen Sommerlinde am Langstädter Bahnhof schweren Schaden zufügen wollte – der Täter hat sein Ziel erreicht, der Baum ist wohl nicht mehr zu retten. Für Hinweise auf den Verursacher hat die Stadt eine Belohnung ausgesetzt. Von Stefan Scharkopf 

Ein tiefer Schnitt zieht sich etwa zwei Meter horizontal am Stamm entlang. Mit einem Laserpointer deutet Udo Riebold auf die zweieinhalb Zentimeter tiefe Kerbe. Der Baumsachverständige, unterwegs für das Regierungspräsidium Kassel, ist sich sicher: „Hier war jemand am Werk, der sich auskannte, der bewusst so gehandelt und das Absterben des Baums in Kauf genommen hat.“ Gestern waren Riebold, Bauamtsleiter Christian Heinemann und Lothar Kirchhöfer vom städtischen Bauamt einmal mehr vor Ort, um sich die Bescherung anzuschauen. Die Schadenshöhe wurde in einer früheren Mitteilung der Polizei auf etwa 50.000 Euro beziffert, da die Linde, die mit anderen Bäumen ihrer Art beim Bahnhof ein Ensemble bildete, unter Denkmalschutz stehe. Auf Anfrage unserer Zeitung hat die Untere Naturschutzbehörde am Mittwoch mitgeteilt, dass es sich entgegen der Darstellung der Polizei nicht um ein Naturdenkmal handelt. Ob die Schadenshöhe bei 50.000 Euro bleibt ist damit unklar.

Der Schnitt wurde bereits Anfang Mai festgestellt. Die Stadt Babenhausen hat inzwischen Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, wurde eine Belohnung von 1000 Euro ausgesetzt. Wer Informationen geben kann, sollte sich an die Polizei in Dieburg, 06071/96560, wenden.

Die etwa 190 Jahre alte und 16,50 Meter hohe Linde wird in nächster Zeit zeigen, dass sie geschädigt wurde, in dem sie sogenanntes Reaktionsholz bildet. Dass der Baum überlebt, glaubt Riebold nicht: „In den kommenden Jahren wird er absterben.“ Der Nährstofffluss kann nicht aufrecht erhalten werden.

Bauamtsleiter Christian Heinemann (links) und der Sachverständige Udo Riebold zeigen auf den tiefen Schnitt am Stamm.

Die Tat fällt zudem in die Ruhephase der Vegetation, das heißt, der Baum konnte die Wunde nicht schließen. Der Schnitt ist vermutlich mit einem maschinenbetriebenen Gerät ausgeführt worden. Der Experte spricht von „Ringeln“, wenn ein Streifen der Rinde am unteren Teil des Stammes ringförmig entfernt wird. Hierbei wird der Saftstrom unterbrochen. Die Sommerlinde am Bahnhof wurde zu 75 Prozent geringelt. Eine ältere, kleinere Wunde könnte daraufhin deuten, dass bereits früher jemand versuchte, dem Baum zu schaden. Doch damit nicht genug: Das Erdreich an Wurzel war an einer Stelle augenscheinlich aufgegraben. Es wurde zunächst vermutet, dass hier ein Herbizid eingebracht wurde. Eine Laboruntersuchung brachte dann Klarheit: Die Probe wies das Unkrautbekämpfungsmittels Diuron nach, das seit 1996 in Deutschland verboten ist, und einen sehr hohen Salzgehalt. Pro Kilogramm Bodenmaterial wurden 166 Milligramm Salz festgestellt. „Schon 120 Milligramm sind ein extremer Gefahrenwert“, sagt Riebold.

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In Absprache mit der Stadt – die Substanzen können ins Grundwasser gelangen – wurden der Bereich um die Linde mit einem Saugbagger bis teilweise in 85 Zentimeter Tiefe abgesaugt und das Erdreich entsorgt. Die Sommerlinde, die auch durch einen Hausbau vor fünf, sechs Jahren in Mitleidenschaft gezogen wurde, wie Sachverständiger Riebold sagte, muss wegen des aktuellen Vorfalls nun des Öfteren kontrolliert werden. „Und das ist natürlich mit Kosten für die Stadt verbunden“, so Lothar Kirchhöfer.

Anmerkung der Redaktion: Wegen der neuesten Mitteilung der Unteren Naturschutzbehörde, dass es sich entgegen der ersten Darstellung der Polizei bei der Linde doch nicht um ein Naturdenkmal handelt, haben wir den Text aktualisiert.

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