Die Pflege des Turnens

TV Babenhausen feiert 125-jähriges Bestehen

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Historisch und ganz in weiß: Die Damen und Herren des Turnvereins beim Gauturnfest 1949 in Babenhausen.

Babenhausen - Aus dem kulturellen und vor allem sportlichen Leben der Stadt ist der Turnverein nicht wegzudenken. In diesem Jahr feierte er sein 125-jähriges Bestehen bereits mit verschiedenen Veranstaltungen. Von Petra Grimm 

Zu Jubiläen gehört immer Nostalgie, aber auch der Blick nach vorne, den die Vorstandsmitglieder und aktiven Turner in der bewegten Vereinsgeschichte offensichtlich immer beherrschten. Nach den beiden Weltkriegen haben sie sich wieder aufgerappelt, in den Jahren dazwischen der katastrophalen Wirtschaftslage getrotzt und ihre sportlichen Angebote bis heute stetig erweitert, auch mit Blick auf aktuelle Trends der jeweiligen Zeit.

Und das hieß in der Vergangenheit – das wissen wahrscheinlich die wenigsten – dass beispielsweise in den Anfangsjahren unter dem Vereinsdach auch gesungen wurde. 1896 wurde die Gesangsabteilung gegründet. „Spielleute“ fanden bereits zwei Jahre nach der Vereinsgründung zum ersten Mal Erwähnung und die Anschaffung einer Theaterbühne wurde beschlossen.

Der Startschuss für die Erfolgsgeschichte fiel am 3. Oktober 1891 im Gasthaus „Zum Engel“, wo 35 Bürger bei der Gründungsversammlung ihren Beitritt erklärten. Als Vereinszweck nennt die Chronik zunächst vorrangig „die Pflege des volkstümlichen Turnens, sowie durch musische Beiträge das gesellschaftliche Leben in unserer Stadt zu bereichern“. Geturnt wurde am Anfang auf einem Platz im Freien oder im Saal einer Gaststätte. Mit viel Muskelkraft und Schweiß, Eigenkapital, der Ausgabe von Anteilsscheinen und geliehenem Geld wurde die erste Halle 1899 gebaut und im Sommer des darauffolgenden Jahres eingeweiht. Die Stadt hatte dem Verein den Turnplatz an der Lache dafür überlassen.

Die Turnhalle nimmt ein ganz besonderes Kapitel in der Vereinsgeschichte ein, denn sie wurde über die Jahrzehnte unzählige Male um- gebaut, renoviert und platzte doch in der jüngeren Vergangenheit regelmäßig aus den Nähten. Denn zur Vereinsfamilie gehörten über viele Jahre gut 2 000 Mitglieder. Aktuell sind es 1 700 Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder in 16 Abteilungen, die ein umfangreiches Angebot von A, wie Aerobic, bis Z, wie Zumba, nutzen.

Dieser Mitgliederschwund in den vergangenen Jahren hat nach Meinung von Bert Bernhardt, der neben Ute Teuchner und Amélie Kley als Vorsitzender an der Spitze des größten Vereins der Stadt steht, seine Ursachen vor allem im Ganztagsunterricht an den Schulen. „Die Kinder und Jugendlichen haben inzwischen einfach weniger Zeit an den Nachmittagen“, so Bernhardt, der ebenso wie seine Vorstandskollegen nicht nur mit einer beachtlichen Bereitschaft für ehrenamtliches Engagement, sondern auch mit Weitblick und einer ordentlichen Portion Mut ausgestattet ist. Denn im Jahr 2012 stemmte der Verein den Bau einer neuen Turnhalle, die energetisch auf dem neuesten Stand ist und der fatalen Raumnot entgegen wirken sollte. 2013 wurde sie eingeweiht und bietet jetzt neben modernen Sanitäranlagen, einem Clubraum und Büros zwei große Räume für den Sport. „Der Bau des dritten Gymnastikraums im Keller ruht im Moment. Da warten wir noch auf die Zuschuss-Zusage vom Land“, sagt der 50-Jährige. Trotz des Neubaus ist der Verein auf Belegzeiten in den Schulsporthallen angewiesen, in denen vor allem die Ballsportarten oder auch die Sportakrobatik Platz finden.

Der Sportkreis-Vorsitzende Hans-Dieter Karl (rechts) gratulierte bei der Eröffnung des Altstadtfestes den drei TVB-Vorsitzenden Amélie Kley (von links), Ute Teuchner und Bert Bernhardt zum 125-jährigen Vereinsbestehen und überreichte eine Urkunde.

Der TVB hatte oft die Nase vorn und erkannte die Zeichen der Zeit, sei es bei seinen Gesundheitssportangeboten, für die er zahlreiche Auszeichnungen und Prädikate trägt, oder auch bei Trendsportarten. So sind die Babenhäuser in den 1980er Jahren auf der Aerobic-Welle von Anfang an mitgesurft und spielten Volleyball oder trainierten Judo, kaum dass es in Deutschland populär war. Einiges kam und ging auch wieder, wie das Schachspielen, Ballett oder die Folkloregruppe. Aber wer Spaß an ausgefallenen Sportarten, wie Baseball, Jonglieren, Einradfahren oder Becher stapeln hat, war und ist beim TVB richtig. „Wir probieren viele Sachen erst in zeitlich begrenzten Kursen aus. Wenn es gut ankommt, wird es Teil des festen Programms“, erklärt der Vorsitzende, der aktuell einen Boom beim Line-Dance verzeichnet. „Da haben wir nach erfolgreichen Kursen, inzwischen zwei feste Gruppen, die sogar für Veranstaltungen gebucht werden“.

Behindertensport, Rückenschulkurse, Herzsport oder auch Sport nach Brustkrebs gehörten frühzeitig zum TVB-Programm, in dem die Vorbeugung oder Reparatur von Gesundheitsschäden eine immer größere Rolle einnimmt. Als Ziel für die Zukunft nennt Bernhardt dann auch: „Jeden Tag mindestens ein Fitnessangebot zu machen, vor allem Rückenfit ist sehr gefragt“. Aber die über 80 ausgebildeten und lizensierten Trainer und Übungsleiter, die ehrenamtlich oder auch fest angestellt sind, reichen kaum aus. „Wir suchen immer wieder geeignete Trainer, die zu bestimmten Zeiten regelmäßig können“. Das Hauptproblem sei dabei nicht das Geld. „Wenn ein Trainer teurer ist, sind die Kursteilnehmer in der Regel auch bereit einen Zusatzbeitrag zu zahlen“, so Bernhardt der als Kind Mitglied wurde, seit über 30 Jahren bis heute als Übungsleiter im Einsatz ist und seit 21 Jahren als Vorsitzender den Kopf hinhält. Ute Teuchner scheint das gleiche Gen zu besitzen. Denn auch sie ist seit Jahrzehnten als Übungsleiterin und bereits seit 28 Jahren als Vorsitzende aktiv.

Solche Biografien, in denen Menschen einen Großteil ihres Privatlebens dem Verein schenken, streben heute nicht mehr viele an. „Manche suchen bei uns nur eine Art Fitness-Studio und wollen keine Bindung zum Verein. Das ist ja auch okay. Der Sache müssen wir uns stellen, indem wir beispielsweise alternativ zur Mitgliedschaft auch Zehnerkarten für Sportangebote verkaufen“.

Bilder: Altstadtfest in Babenhausen

Aber Bernhardt macht deutlich, dass das seine Vorstellung von Verein nicht ist. Der TVB ist für ihn eben kein Sportstudio, in dem man alleine vor sich hin Sport treibt, sondern immer noch eine Gemeinschaft, „in der man persönliche Beziehungen findet und pflegt“.

Für die Party in der Stadthalle heute Abend mit Joe Whitney und der Streetlivefamily-Band um 20 Uhr (Einlass 19 Uhr) gibt es an der Abendkasse noch Karten für 15 Euro.

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