Der Traum von Gold

Langstädter startet bei den Paralympics in Rio

+
Geballte Siegerfaust: Der Langstädter Vico Merklein möchte auch in Rio siegen.

Langstadt - An diesem Wochenende kämpfen die Athleten in Rio noch um olympisches Edelmetall. Bei den sich anschließenden Paralympics ist auch ein Langstädter dabei: Für den Handbiker Vico Merklein zählt diesmal nichts Geringeres als Gold. Von Michael Just 

Es war vor vier Jahren in London: Von den Olympischen Spielen der Versehrten hat Vico Merklein alles aufgehoben: Darunter die Startnummer, sein Meldebuch oder das große Banner mit der Aufschrift „Vico - Go for Gold“, das Familie und Freunde mit Anfeuerungsrufen am Straßenrand in die Luft hielten. Doch zu Gold reichte es nicht: Am Ende sprang ein zweiter Platz im Straßenrennen und ein vierter Platz im Zeitfahren heraus. Nun zählt es erneut für den 39-jährigen Langstädter, der seit einem Motorradunfall in jungen Jahren querschnittsgelähmt ist. Sein Liegerad wird nur über die Muskelkraft der Arme angetrieben. Dass Merklein mittlerweile über einen Bi- und Trizeps verfügt, die bei anderen das Hemd reißen lassen würden, versteht sich von selbst. Es gibt kaum Tage, an denen der Vollprofi nicht trainiert. Alljährlich misst er sich bei zahlreichen Marathonveranstaltungen oder anstehenden Meisterschaften mit der Konkurrenz. Die Wochenenden, an denen Merklein in Langstadt ist, lassen sich an wenigen Fingern abzählen.

Schon seit Jahren gehört er zur nationalen und internationalen Spitze. Davon zeugen aktuell zwei Vizeweltmeisterschaften sowie die deutsche Meisterschaft im Zeitfahren und im Straßenrennen. Immer noch ist er Inhaber des Weltrekords über die Marathondistanz in 58:56 Minuten. In diesem Jahr könnten die Chancen also kaum besser stehen, den Traum vom Gold zu verwirklichen. Doch die Konkurrenz, allen voran der Pole Rafal Wilk, ist nicht zu unterschätzen: Wilk machte seinem deutschen Widersacher in der Vergangenheit schon öfter den obersten Podestplatz streitig. Vor allem bergauf profitiert dieser immer wieder von seinem geringeren Gewicht.

Um für Rio bestmöglich vorbereitet zu sein, zieht der Langstädter sämtliche Register. Seit ein paar Monaten wird er von der Sportmentaltrainerin Valerie Nungesser betreut. Das Credo der Darmstädterin: „Der Erfolg beginnt im Kopf.“ Der muss frei sein, doch das ist leichter gesagt als getan. So treten auch bei Merklein Gedanken auf, die ihm regelmäßig die Konzentration rauben. „Ich denke an bestimmte Situationen, die vor oder im Rennen passieren können“, sagt er. So blieb lange Zeit eine Situation in London unverarbeitet, als ihm ein Haarriss an der Gabel, der zu spät erkannt wurde, den undankbaren vierten Platz bescherte. Kommt es zum Kopfkino, beeinflusst das den Puls und damit auch die Leistung. Für Merklein lässt sich in diesem Moment nicht mehr die volle Watt-Leistung seiner Arme beim Kurbeln abrufen. Hier setzt Nungesser quasi mit einem „Muskeltraining für den Kopf“ an. Das Gehirn des Athleten, das sich mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigen will, wird zum Umschalten bewegt. „Wir haben eine Technik einstudiert, die automatisiert abläuft. Sie schafft einen vollfokusierten Zustand“, berichtet Merklein über sein hilfreiches „Umfeldmanagement“. Wie er ergänzt, könne man Stressfaktoren, allen voran Nervosität und Unsicherheit, nie ganz abschalten. Es bleibe aber die Chance, anders damit umzugehen.

Alles zu Olympia 2016 in Rio lesen Sie auf der Themenseite

Für den Erfolg spielen Physis und Psyche eine gleichgroße Rolle. Körperlich zeigt sich Merklein für die Paralympics bestens vorbereitet, wie die Trainingslager auf Lanzarote, Teneriffa und Mallorca zeigen. Der Aufenthalt in der Höhenkammer des Olympiastützpunktes in Hannover stellt zweimal im Jahr eine weitere wichtige Komponente dar. Hier wird in einer abgedichteten Kammer der Sauerstoff entzogen, um Höhenmeter im Gebirge zu simulieren. Die Blutanalyse gibt dann Auskunft und Möglichkeiten vor, wie der Muskel effizienter und sparsamer arbeitet. Dr. Ralf Lindschulten, Merkleins Trainer, baut darauf unter anderem seine Arbeitskonzepte auf. Zudem wirft Patrick Kromer, Bundestrainer im Bereich Radsport des Deutschen Behindertensportverbandes, ein genaues Auge auf die Trainingsergebnisse.

Geschichte, Kultur - und eine wichtige Message: Bilder der Eröffnungsfeier

Doch nicht nur Schweiß kennzeichnen die Vorbereitung auf Rio: So darf Merklein, vor und während der Spiele eine große Reihe von Annehmlichkeiten genießen die nur Olympioniken zuteil wird. In Hannover erwartet ihn beispielsweise eine dreitägige Einkleidung. Dort gibt’s 75 Kleidungsstücke, die zusammen 35 Kilo wiegen. Eine genaue Liste wandert obendrauf, wann was wo zu tragen ist. Wenige Wochen vor dem Startschuss fiebert Merklein auf die Stunde der Bewährung in Rio. „Du hast erst verloren, wenn du aufgibst“, lautet sein Motto. Auf der Kanareninsel kurbelte Merklein jüngst die unfassbare Zahl von 39 642 Höhenmetern. Damit hat er umgerechnet viereinhalb Mal den Mount Everest erklommen. Und das alles für ein Ziel: Gold.

Das Aussehen der Medaille hat Merklein schon im Internet eruiert. Jetzt hofft er, dass das Edelmetall im Babenhäuser Stadtteil bald einen neuen Platz findet. „In meiner Vitrine zu Hause würde es sich sehr gut machen“, ist sich der Ausnahme-Athlet sicher.

Mehr zum Thema

Kommentare