Zu dünn, zu wenige Ausgabestellen

Kritik an Beschaffenheit und Verfügbarkeit der Gelben Säcke

Darmstadt/Dieburg - Vorbildlich! So lautet regelmäßig das Kompliment für die Bewohner des Landkreises Darmstadt-Dieburg. Geht es um die Trennung von Müll, gehören sie zu den Spitzenreitern in Hessen. Doch mittlerweile sind viele vom Gelben Sack genervt.

Gegenwärtig ist dieser so dünn, dass er aufreißt oder zum Spielball des Windes wird. Auch dass die Säcke beim Einzelhändler immer wieder vergriffen sind, wird beklagt. Beim Zweckverband Abfall- und Wertstoffeinsammlung des Landkreises (ZAW) führt das zu Beschwerden und zur Forderung nach der Gelben Tonne. Doch der ZAW ist dafür die falsche Adresse: „Der Zweckverband als öffentlich-rechtlicher Entsorgungsträger ist nur für den Hausmüll zuständig. Beim gelben Sack haben wir keinen Einfluss auf die Modalitäten wie Qualität, Menge, Einsammlung und Verteilung“, so Christel Fleischmann, Erster Kreisbeigeordneter und Vorstandsvorsitzender beim ZAW. Das bedeutet, dass der gelbe Sack im Kreis komplett privatwirtschaftlich geregelt ist. Verantwortlich dafür ist ausschließlich das Duale System und deren Entsorgungsfirmen. Für den Landkreis Darmstadt-Dieburg ist das die RESO GmbH aus Michelstadt. Sie muss sich dem Vorwurf stellen, dass die Gelben Säcke viel zu dünn sind. In der Tat weist das Material nur noch eine „Stärke“ von 0,015 Millimeter auf.

Die Frage an Verena Mai von der Reso-Geschäftsleitung, wieso das Unternehmen keine dickeren Säcke benutzt, begründet sie mit den vertraglichen Vorgaben des Dualen Systems. „Das gibt eine Mindeststärke vor. Diese halten wir ein“, sagt sie. Beschwerden, dass hier am falschen Ende gespart wird, sieht sie durch die Einhaltung der Vorgaben als irrelevant und an die falsche Adresse gerichtet. So scheint es, dass das System in stärkeren Säcken keine Notwendigkeit sieht oder kein Geld investieren will. Ein Grund mag in den wachsenden Mehrkosten durch immer mehr Abfall liegen. Steckten 2008 die Landkreisbewohner 36 Kilogramm pro Kopf in den Sack, liegt die Zahl mittlerweile bei 44 Kilo. Der Verbrauch der Säcke kletterte parallel von 20 auf 32 Stück pro Einwohner. Ein weiteres Problem ist der Inhalt. Der sollte eigentlich nur Wertstoffe in Form von Konserven- und Getränkedosen sowie Verpackungen aus Verbund- und Kunststoff enthalten. Meist wandern aber bis zu 25 Prozent Dinge hinein, die dort nicht hingehören. Das reicht vom CD-Regal bis hin zur Kloschüssel aus Hartplastik. Ab in den Restmüll müsste es dafür heißen – tut es aber oft nicht.

Mit weiteren Störstoffen verursachen sie für das Duale System erhebliche Zusatzkosten. Die bekommen auch die regionalen Entsorger, wie Reso, zu spüren. Denen bleibt bei den Verträgen mit dem Dualen System kein Verhandlungsspielraum: Die ausgeschriebenen Bedingungen werden akzeptiert oder man kommt nicht ins Geschäft. Dass die Säcke schon bald durch eine gelbe Tonne abgelöst werden, dürfte ein Wunschgedanke bleiben. So sehen die laufenden Verträge des Dualen Systems für den Landkreis keine Gelben Tonnen vor. „Wie bei den stärkeren Säcken stellt sich deshalb auch für uns die Frage nach einer solchen Einführung nicht“, sagt Mai. Obwohl nicht zuständig, erreicht den ZAW immer wieder die Bitte, dass der für Gelbe Tonnen sorgt.

Jürgen Kreis, kaufmännischer Geschäftsführer beim ZAW, hat ausgerechnet, dass der Zweckverband dafür rund 2,5 bis drei Millionen Euro investieren müsste. Da diese Kosten nicht über Gebühren umzulegen sind, bliebe seinem Haus nur der Kapitalmarkt übrig. Eine solche Option sei aber nicht angedacht. Nicht wenige Kreisbewohner schauen deshalb neidvoll auf die Stadt Darmstadt, wo Gelbe Tonnen im Gebrauch sind. Hier schaffte es die EAD (Kommunaler Eigenbetrieb für Aufgaben und Dienstleistungen der Stadt Darmstadt) die Finanzierung der Tonne ins operative Geschäft einzubauen und die Sache finanziell tragbar zu gestalten. Soweit wird es im Landkreis wohl nicht kommen, auch weil ZAW-Vorstandsvorsitzender Christel Fleischmann bezweifelt, ob die Gelbe Tonne von allen Verbrauchern wirklich gewollt ist: „Das würde neben blau für Papier und schwarz für Restmüll, eine weitere Tonne im Haushalt bedeuten. Oft gibt es dafür gar keinen Platz.“ Den Vorwurf, dass die Gelben Säcke regelmäßig vergriffen sind, weist RESO zurück. So könne ein Engpass in einem Geschäft vorkommen.

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„Dafür ist im gleichen Ort eine andere Ausgabestelle noch gut bestückt“, ist sich Mai sicher. Als bedauerlich wird von vielen Verbrauchern gesehen, dass die Rathäuser keine Säcke mehr ausgeben. Dem liegt eine Entscheidung der Bürgermeister zugrunde: Betrachteten diese die Ausgabe anfänglich als kommunale Dienstleistung, ist man davon durch den Mehraufwand wieder abgerückt. Für den Landkreis Darmstadt-Dieburg wird es in naher Zukunft wohl keine dickeren Säcke oder eine Gelbe Tonne geben. Nicht nur im Hinblick darauf sieht die Kreisspitze die Wertstoffsammlung in Deutschland als reformbedürftig: „An der Spitze wird gut verdient, während am unten Ende die Probleme existieren“, sagt Fleischmann. Nicht besser macht die Sache für ihn der Umstand, dass ein neues Wertstoffgesetz für den Bund jüngst gescheitert ist. So wird beim viel diskutierten Thema Gelber Sack erstmal wohl alles beim Alten bleiben und sich die Katze hin und wieder selbst in den Schwanz beißen: „Die dünnen Säcke sind wohl nur scheinbar eine Kostenersparnis. Mittlerweile nehmen viele Leute einfach zwei, um das Aufreißen zu verhindern“, so Fleischmann. Die Ironie an der Geschichte: Auch das verursacht zusätzlichen Plastikmüll.

Quelle: DA-imNetz.de

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