Labor der Unzulänglichkeiten

Staatstheater Darmstadt: Mit Kombi-Opern-Abend in neue Saison

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Passt nicht: Judith (Katrin Gerstenberger) und Blaubart (Krzysztof Szumanski) auf Augenhöhe

Darmstadt - Vielleicht musste es einfach etwas mit dem Internet sein, um sich für den ersten Preis zu empfehlen. Unter dem Titel „Augen.Blicke“ sind die zwei besten kurzen Opern-Uraufführungen der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik am Darmstädter Staatstheater zu erleben, gefolgt von „Herzog Blaubarts Burg“. Von Axel Zibulski

Ein Abend zwischen Enttäuschung und Ärger. Es sind die ersten Opernproduktionen der Spielzeit, gefolgt von Béla Bartóks knapp 100 Jahre altem Einakter „Herzog Blaubarts Burg“. Am Anfang steht mit „.onion“ das Internet-Stück der 1976 geborenen Komponistin Sivan Cohen Elias. Der Titel verweist auf die Endungen von Web-Adressen, die im rechtsfreien Raum des sogenannten Dark-net verwendet werden. Das Stück wirkt wie eine Karikatur: Ein Mann (Tenor Mark Alder) sitzt in einer Telefonzelle, trägt ein Schweinekotelett auf der Wange und ist per Bildprojektion auf der Rückwand der weißen wie ein Laboratorium gehaltenen Einheitsbühne (von Christoph Ernst) zu sehen, die dem ganzen Abend dienen wird. Er schwadroniert in die Kamera seines Computers, kommentiert von elektronisch bearbeiteten Klängen. Warum auch immer.

Wer vom zeitgenössischen Musiktheater erwartet, dass dort elementare menschliche Fragen verhandelt werden, wird auf den ersten Blick „(On) The Other Side of The Skin“ von Marta Gentilucci, 1973 geboren, ansprechender finden. „Auf der anderen Seite der Haut“ will aus dem Klangraum zweier weiblicher Körper, nämlich der beiden Sängerinnen Aki Hashimoto und Agate Siebert, schöpfen. Regisseurin Susanne Gauchel, die diesen Teil der „Augen.Blicke“ übernommen hat, spiegelt die Körperlichkeit der Musik in einem durchchoreographierten Tanz der beiden.

Tanztheater in Darmstadt

In der ersten Vorstellung nach der Premiere des Doppelabends blieben bereits vor der Pause sehr viele Plätze frei. Danach waren es noch mehr. Obwohl Bartóks Oper um den frauenmordenden Herzog, 1918 in Budapest uraufgeführt, eigentlich eine der besonders packenden Opern des frühen 20. Jahrhunderts ist. Ihre sinnliche und farbenprächtige Partitur wird in Darmstadt unter der Leitung von Michael Nündel leider viel zu blass, dezent und flach umgesetzt.

Blaubart und Judith, die sieben Türen seiner Burg öffnen darf und hinter der letzten die bereits getötete Frauen Blaubarts entdecken muss, begegnen sich unter Isabel Ostermanns Regie hier auf Augenhöhe, im gleichen Kostüm mit Hut, Krawatte, schwarzer Hose. Will sagen: Auch sie gibt Abgründe preis, auch er ist Opfer. Das allerdings führt ebenso am Werk vorbei wie der schüttere, unscharfe Bassbariton von Krzystof Szumanski, dem Katrin Gerstenberger als Judith in diesem Zwei-Personen-Stück viel zu leicht Paroli bieten kann. Die Bühne ist Labor geblieben, weiß und austauschbar. Wie auch dieser allzu ernüchternde Saisonauftakt. 

„Augen.Blicke / Herzog Blaubarts Burg“ am 8. u. 21. Oktober sowie am 9. u. 27. November

Quelle: DA-imNetz.de

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