Darmstädter Symposium zum Thema Verkehrssicherheit 

Quantensprünge nicht zu erwarten

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Vielerorts weisen Schilder auf Gefahrenpunkte hin, aber auch daran gewöhnen sich die Verkehrsteilnehmer schnell.

Darmstadt - Gurtpflicht, Airbag und Antiblockiersystem haben die Zahl der Verkehrstoten deutlich sinken lassen. Derartige Revolutionen sind heute nicht in Sicht – zu tun gibt es dennoch genug. Von Simon Ribnitzky

Ortseinfahrt Habitzheim im Landkreis Darmstadt-Dieburg: Die Straße macht eine Rechtskurve, unterquert eine Fußgängerbrücke. „Hier kracht es regelmäßig“, sagt Alexander Schober, Verkehrssachbearbeiter bei der Polizei. Immer wieder kommen Autos auf den mit Kies befestigten Straßenrand, mit der Zeit entsteht eine fast 15 Zentimeter hohe Kante. „Wer dann versucht, zurück auf die Fahrbahn zu lenken, schießt häufig auf der anderen Seite über die Straße hinaus.“ Manche Fahrzeuge überschlagen sich dann sogar. Die Ortseinfahrt von Habitzheim ist ein sogenannter Unfallpunkt. Dazu zählen alle Ecken, an denen es innerhalb eines Jahres mindestens fünfmal aus der gleichen Ursache zu Unfällen kommt. 26 solcher Stellen gab es im vergangenen Jahr allein im Kreis Darmstadt-Dieburg. In Habitzheim sollen jetzt Schilder helfen, die auf die Gefahrenstelle hinweisen. Doch oft sei solch ein Effekt zeitlich begrenzt, sagt Schober. „Nach zwei Jahren sind die Schilder für die Leute normal, und sie werden wieder fahrlässig.“

Etwa 250 Menschen sind im vergangenen Jahr auf hessischen Straßen ums Leben gekommen, die Zahlen haben sich seit Jahren auf niedrigem Niveau eingependelt. „Quantensprünge werden bei der Verkehrssicherheit mittelfristig nicht erwartet“, sagt Torsten Bertram von Hessen Mobil. Meilensteine wie die Einführung der Gurtpflicht oder technische Innovationen wie Airbag und ABS seien erstmal nicht in Sicht. Wie die Sicherheit auf Hessens Straßen trotzdem weiter verbessert werden kann, darüber diskutierten gestern Experten bei einem Symposium an der Hochschule Darmstadt. An der Initiative für mehr Verkehrssicherheit in Hessen sind auch Polizei und Verkehrsministerium beteiligt. Vom Ministerium heißt es, man setze neben der Ahndung verkehrswidrigen Verhaltens vor allem auf Information und Aufklärung.

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Besonders im Fokus stehen die Landstraßen. „Dort haben wir 60 Prozent der Verkehrstoten“, sagt Roland Weber vom Fachbereich Bauingenieurwesen der Hochschule Darmstadt. Eine Ursache sieht der Fachmann darin, dass auf Landstraßen ganz verschiedene Verkehrsteilnehmer unterwegs sind: neben Autos auch Radfahrer oder landwirtschaftlicher Verkehr. „Autobahnen sind trotz der hohen Geschwindigkeiten die sichersten Straßen, weil der Autofahrer da weiß, was ihn erwartet“, sagt Weber. Auf Landstraßen sei das Spektrum viel größer. Am besten wäre Weber zufolge die Trennung des Verkehrs – mit Extrawegen für Radler oder Traktoren und gesicherten Überholmöglichkeiten für Autofahrer. „Aber das ist natürlich nicht überall finanzierbar.“

Ewiges Streitthema sind Bäume an Landstraßen. „Viele sehen das schöne Landschaftsbild einer Baumallee und erkennen nicht, dass dadurch die Unfallschwere deutlich erhöht wird“, sagt Bertram. Auch Weber kennt das. „Da wird oft argumentiert, dass es ja der Fehler des Fahrers sei, wenn er einen Unfall baut, und nicht der Fehler des Baumes.“ Straßen müssten aber auch für diejenigen sicher sein, die Fehler machten.

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Sicher ist eine Straße natürlich vor allem dann, wenn sie in einem guten Zustand ist. „Wir beobachten das ständig“, sagt Bertram von Hessen Mobil. Alle vier Jahre werde auf Autobahnen der Zustand der Straßendecke erfasst. „Wenn Schäden festgestellt werden, reagieren wir entsprechend.“

Oft kann auch der Ausbau von Straßen die Unfallzahlen senken. In Habitzheim etwa sei die Straße einfach zu schmal, sagt Schober. „Landstraßen sollten mindestens sechs Meter breit sein, hier haben wir nicht mal fünf.“ Bauingenieur Weber weist allerdings darauf hin, dass ein Ausbau kein Allheilmittel ist. „Wird die Straße breiter, zieht das natürlich auch das Geschwindigkeitsniveau nach oben, dann hat man das Problem in den Kurven.“

Eine Revolution könnte es dann aber doch noch geben: im Bereich der technischen Assistenzsysteme. „Irgendwann könnten Autos und Straßeninfrastruktur kommunizieren“, sagt Bertram. Das Fahrzeug bekomme dann zum Beispiel gemeldet: Achtung, es ist glatt! „Das wäre ein echter Quantensprung für die Verkehrssicherheit, ähnlich der Gurtpflicht in den 70er Jahren.“ dpa

Quelle: DA-imNetz.de

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