Ausstellung zu Glücksspiel im Kreishaus warnt vor Sucht

Zocken bis in den finanziellen Ruin

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Kreisbeigeordneter Carsten Müller klebt unter den Augen von Fachberaterin Steffi Höft einen roten Punkt bei „Ja“ auf die Bodenzeitung vor dem Kreishaus. Die Frage im Zuge des gestrigen hessenweiten Aktionstages zur Glücksspielsucht lautete: „Brauchen Glücksspieler Schutz?“

Dietzenbach - Die Gewinne der Spielhallen sind die Verluste der Spieler: Mit einer Ausstellung im Kreishaus und einer Bodenzeitung beim Aktionstag zur Glücksspielsucht macht das Suchthilfezentrum Wildhof auf die Gefahren aufmerksam. Von Ronny Paul 

Fachberaterin Steffi Höft weiß, dass die Abhängigkeit Familien in den Ruin treiben kann. Steffi Höft hat eine Bodenzeitung vor dem Kreishaus ausgebreitet. Rote Buchstaben suchen bei den Passanten Antworten auf die Frage: „Brauchen Glücksspieler Schutz? Was denken Sie?“ Viele Fußgänger laufen an der Fachberaterin für Pathologisches Glücksspiel vorbei, werfen dabei einen kurzen Blick auf die Auslage. Wenige bleiben stehen und nehmen sich die Zeit, die Frage mit einem roten Klebepunkt zu beantworten. Offensichtlich ist das Gros der Meinung, Glücksspieler bräuchten Hilfe.

Die Befragung ist eine Aktion des Suchthilfezentrums (SHZ) Wildhof im Zuge des hessenweiten Aktionstages zur Glücksspielsucht. Sozialpädagogin Höft ist seit 2013 Fachberaterin beim SHZ und weiß um die Schwierigkeit, das Nischenthema Glücksspielsucht einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen: „Die Sucht ist schwer zu erkennen: Die Spielsüchtigen torkeln nicht, haben keine Fahne, es ist kein körperlicher Verfall erkennbar.“ Anzeichen auf eine Spielsucht finden Angehörige woanders: „Spieler sind viel unterwegs und nutzen jede Gelegenheit um Spielen zu gehen.“ Häufige Abwesenheit, Geldknappheit und fehlendes Interesse an anderen Aktivitäten könnten Warnhinweise sein. „Beim Spielen flüchten sie aus der Realität“, erläutert Höft. Auch Depressionen – meist nach einem verlorenen Spiel – und Aggressionen gegen Spielautomaten seien Anzeichen.

Das SHZ Wildhof mit seinen Beratungsstellen in Offenbach und Dietzenbach hat im vergangenen Jahr 128 Betroffene und Angehörige in Sachen Glücksspielsucht beraten. Auffällig dabei: 91 Prozent der Betroffenen sind Männer, meist Automatenspieler in Gaststätten und Spielhallen. „Aber auch die Anzahl der Sportwettensüchtigen nimmt zu“, sagt Höft. Das seien meist junge Erwachsene. Die Suchtverläufe seien so individuell wie die Menschen. Dementsprechend müsse die Hilfe auch individuell erarbeitet werden. Eine Art Faustregel: „Automaten machen schneller süchtig als Lottospielen“, sagt Höft: „Denn beim Lotto müssen die Süchtigen warten, beim Automaten erleben sie Anspannung im Sekundentakt.“ Dieser Kick sei vergleichbar mit der Einnahme von Kokain oder Amphetaminen. Die stoffungebundene Sucht Glücksspiel löse im Gehirn ähnliche Prozesse aus, die Botenstoffe im Gehirn wirken suchtfördernd, erläutert die Expertin. Zudem seien Glücksspieler stark suizidgefährdet. Die Selbstmordrate sei viermal so hoch wie bei anderen Süchtigen, sagt sie und betont: „Es ist kaum bekannt, dass Glücksspiel eine Krankheit ist.“

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In Dietzenbach gibt es eine Spielhalle (in Offenbach 21) mit vier sogenannten Konzessionen und 47 Spielautomaten. Laut dem SHZ hatte diese 2014 einen Jahres-Kasseninhalt von mehr als 1,3 Millionen Euro. „Was Spielhallen verdienen, sind die Verluste der Spieler, die dann in der Familienkasse fehlen“, sagt Höft, die darauf hinweist, dass mit der auslaufenden Übergangsfrist des Glücksspielvertrages zum 29. Juli 2017 pro Spielhalle nur eine Konzession erlaubt ist. In Dietzenbach hieße das: Aus 47 Automaten mach zwölf. „Dieses Gesetz umzusetzen ist Aufgabe der Kommunen“, sagt Höft und hofft, dass die Politiker das im Sinne der Suchtprävention entschieden umsetzen. Denn: „Die Spieleautomatenindustrie wird alle Register ziehen“, ist sie sich sicher, „und gegen die Umsetzung klagen.“

Darauf will auch die derzeit laufende Ausstellung vom SHZ, „Spielend in die Abhängigkeit“, im Foyer des Kreishauses (Werner-Hilpert-Straße 1) aufmerksam machen, die noch bis zum 7. Oktober besucht werden kann. Diese zeigt 20 Bilder, die in Workshops entstanden sind. Spieler und Angehörige haben die Bilder gemalt und gezeichnet, um die Gefahr der Sucht zu verbildlichen. Kontakt zum SHZ Wildhof (Offenthaler Straße 75): dietzenbach@shz-wildhof.de, Tel.: 06074/6949616.

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