Wie Dietzenbach mobil wurde...

Auf den Spuren der „Rucksäck“

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Viele Dietzenbacher pendelten im vergangenen Jahrhundert mit der Eisenbahn zur Arbeit.

Dietzenbach - Teil drei der Führungstrilogie auf dem Geschichtspfad beleuchtet vom Eisenbahnanschluss bis zur Auswanderung alles, was Dietzenbacher bewegte. Von Barbara Scholze 

Der große und sichtlich rustikale Rucksack, mit dem Birgit Göckes unterwegs ist, ist zugleich Programm. Die Mitarbeiterin der städtischen Organisationsabteilung hat gemeinsam mit ihrer Kollegin, der Frauenbeauftragten Bettina Kuse, zu einer Führung über den Geschichtspfad eingeladen. „Mit Sack und Pack“, lautet das Thema. Im Fokus steht alles, was die Dietzenbacher in ihrer Geschichte bewegte. Freudiges und Leidvolles. Vom Eisenbahnanschluss, der Mobilität auch hinsichtlich der Arbeitsmöglichkeiten brachte. Bis zur Auswanderung der Ärmsten, die sich in fernen Ländern ein besseres Leben erhofften.

Sie wollen dem Geschichtspfad, an der Verlängerung der Ober-Rodener-Straße gelegen, künftig aktiveres Leben einhauchen: Ein Team der Stadtverwaltung hat vor einiger Zeit ordentlich aufgeräumt und saubergemacht, jetzt geht es darum, mit einem attraktiven Programm die Historienmeile nachhaltig ins Bewusstsein zu rücken. „Sack und Pack“ ist die vorerst letzte von insgesamt drei Führungen hinein in die Dietzenbacher Geschichte. Indes sollen die Spaziergänge über den Pfad, der Teil der Regionalparkroute ist, keine Eintagsfliege bleiben. „Wir werden an dem Konzept weiterarbeiten“, kündigt Göckes an. Geplant sind weitere Themen-Ausflüge, auch für Schulklassen oder bei besonderen Anlässen im privaten Bereich, wie Geburtstage oder Jubiläen.

Bettina Kuse (links) und Birgit Göckes (Dritte von links) führen die Teilnehmer über den Geschichtspfad.

Die ersten Schritte des Weges sind vorprogrammiert. „Wir tauchen durch den Zeittunnel ein in die Vergangenheit“, sagt Göckes. Halt macht die Gruppe dann an einem alten Holzgleis. Es symbolisiert den Eisenbahnanschluss der Stadt am 1. Dezember des Jahres 1898 mit der rund zehn Kilometer langen Bahnlinie Offenbach/Bieber-Heusenstamm-Dietzenbach. „Das war für Dietzenbach ein Segen und wurde als Jahrhunderterlebnis gefeiert“, erzählt Göckes.

Jahrelanges Ringen mit den Behörden war dem Mobilitätssprung für das damalige Dörfchen vorausgegangen. „Bei den letzten Gleisbauarbeiten haben die Dietzenbacher tatkräftig mitgeholfen“, weiß die Führerin zu berichten. Schlussendlich habe sich das Dorfleben durch den Bahnanschluss regelrecht „aufgebrochen“. „Es war nun auch einfacher, woanders zu arbeiten, etwa in den Metall- oder Lederwarenbetrieben der Stadt Offenbach“, sagt Göckes. Die Dietzenbacherin ist nicht nur geschichtlich gut vorbereitet, sie kann auch Persönliches zu der Führung beisteuern. „Meine Mutter hat immer erzählt, dass sich die Pendler aus der Hinterwald-Siedlung, dem heutigen Westend, morgens getroffen haben und über die Frankfurter Straße gemeinsam zum Bahnhof gepilgert sind.“ Auch sonst habe man auf den Wegen hin zur Arbeit und zurück gut auf sich achtgegeben. Aufgrund ihrer Arbeitsfahrten habe man die Dietzenbacher schließlich „Die Rucksäck“ genannt. Davon erzählt auch das als „Orts-Hymne“ bekannte Heimatlied „Kennst du das Dorf, wie’s früher war?“.

Nach 84 Jahren wurde der Bahnbetrieb in der heutigen Kreisstadt wieder eingestellt. Eine Zeit lang fuhr noch ein „Bananenexpress“ der Firma Chiquita. Dann begann erneut das Hoffen auf einen Anschluss. Doch erst die S-Bahn, die 2003 zum ersten Mal fuhr, machte Dietzenbach wieder mobil.

Bilder: Fest-Wochenende in Dietzenbach

Zu einer völlig anderen Art von Mobilität, aus der absoluten Not geboren, waren viele Bewohner des einstigen Dörfchens im Wiesengrund schon lange zuvor gezwungen. Die Hungersnot der Jahre 1816 und 1817 machte vor Dietzenbach nicht Halt und nötigte manchen zur Auswanderung. „Die Ernten waren katastrophal, es gab zwei Jahre lang keinen Sommer, was man sich damals nicht erklären konnte“, berichtet Kuse. Heute wisse man, dass ein Vulkanausbruch in Indonesien verantwortlich war, dessen Folgen Europa auf lange Zeit verdunkelten. „Durch den Ernteeinbruch war die Not immens, die Menschen waren sehr arm und sehr elend.“ Zumal die Bauern wenig Vorsorge getroffen hatten und die Gemeinden sich nicht zuständig fühlten. Eine nächste Hungerwelle folgte in der Zeit von 1846 bis 1848. Auch in dieser Zeit wanderten etwa 30 Dietzenbacher Familien aus. Und zwar als Großclans. „Insgesamt waren es 500 Personen“, sagt Kuse. Noch weiter zurück in der Vergangenheit war das Dorf gar komplett brach gelegt. Während des Dreißigjährigen Krieges von 1618 bis 1648 war Dietzenbach einige Jahre lang völlig entvölkert. Erst 1641 kehrten wieder Menschen in die Siedlung zurück.

„Vielleicht hat die Führung sie nun angeregt, auch das Museum für Heimatkunde und Geschichte zu besuchen und die Historie dort vertieft zu betrachten“, geben Kuse und Göckes ihren Gästen am Ende mit auf den Weg. Wer bis zum nächsten Termin auf eigene Faust den Geschichtspfad erobern will, bekommt dabei Unterstützung. An den Stationen sind QR-Codes angebracht, die mit einer entsprechenden Funktion auf dem Smartphone eine freundliche Stimme mit Erzählungen erklingen lassen.

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