Zehn verheerende Minuten

Britischer Bombenangriff zerstörte Dietzenbach

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Das Fragment einer Bombe im Heimatmuseum.

Dietzenbach - Vor 75 Jahren klopft er plötzlich an, der Zweite Weltkrieg. Und hält mit all seinen Schrecken Einzug in das Dorf im Wiesengrund. Nach einem englischen Luftangriff sterben Menschen, brennen Häuser. Von Barbara Scholze 

Die Ereignisse der Bombennacht vom 20. auf den 21. September 1941 haben sich in das kollektive Dietzenbacher Gedächtnis eingebrannt. Dabei herrscht in dem 3000-Seelen-Dorf abends noch gute Stimmung. Das Wetter ist gut, die Kartoffelernte in vollem Gang, die Dietzenbacher feiern an diesem Samstag das Ende einer arbeitsreichen Woche. Viele lauschen im „Neuen Löwen“ (heute „Wienerwald“) an der Rathenaustraße einem Konzert des Harmonika-Clubs „Ahoi“. Nach 22 Uhr verlassen die ersten Besucher das Gasthaus. Die heitere Atmosphäre wird jäh durch einen Luftalarm unterbrochen, der aber nicht alle aus der Fassung bringt. „Lass uns in Ruhe austrinken“, heißt es erst noch – bis die ersten Bomben krachen.

Der Offenbacher Luftkriegshistoriker Eugen Lux vermutet, dass das Ende des Konzerts die Aufmerksamkeit der britischen Bomberbesatzungen auf sich gezogen hat. Durch das häufige Öffnen und Schließen der Gaststättentür fällt immer wieder Licht auf die Straße. Das Flackern überlagert das sonst verdunkelte Dorf und lockt Piloten an, die eigentlich Frankfurt angreifen wollen. Dem Dietzenbacher Historiker Dagobert Dobrowolski zufolge gehören sie zu einem 30 Maschinen zählenden Geschwader der Royal Air Force, das in der stockfinsteren Nacht Probleme hat, seine Ziele zu finden. Sechs Flugzeuge werfen über Dietzenbach ihre Last ab. Ein folgenreicher Irrtum.

Im Ortskern landen Spreng- und Stabbrandbomben sowie sogenannte Phosphorkanister, die erst kurz im Einsatz sind und verheerende Auswirkungen haben. Der Dietzenbacher Familienforscher Richard Becker beschreibt, wie er Augenzeuge wurde: „Nach dem Ende des Fliegerangriffs, den wir im Luftschutzkeller des Hauses verbrachten, nahm mich der Großvater mit auf die Straße. Hier sahen wir – für mich ein unvergesslicher Anblick – eine lodernde Flammenwand über dem alten Ortskern hochsteigen, aus dem zwischen Rauch und prasselndem Funkenflug für kurze Zeit der Turm der Kirche auftauchte. Die Straßen waren voller hastig rennender Menschen, die wohl alle helfen oder retten wollten, aber einer Panik nahe waren.“

Zehn Minuten dauert der Angriff; in der Frankfurter Straße stirbt ein 13-Jähriger, kurze Zeit später auch seine Mutter. Drei Häuser werden völlig zerstört, 30 weitere schwer beschädigt, 20 Scheunen vernichtet. Lapidar gibt das Oberkommando der Wehrmacht später bekannt, der Angriff habe „unerhebliche Schäden“ verursacht.

So begann der Zweite Weltkrieg

Dabei überfordert das Flammenmeer die hiesige Feuerwehr, die für eine solche Katastrophe nicht gerüstet ist. „Während Offenbach über einen Entgiftungswagen verfügt, müssen die Dietzenbacher mit zwei Motorspritzen auskommen“, weiß Dobrowolski. Der Feuerwehrchef, der mit seinem Fahrrad aus Steinberg anrückt, muss die Kreisfeuerwehr per Motorrad-Boten zu Hilfe holen. Die umliegenden Gemeinden helfen gerne, aber das Wasser reicht nicht. Erst gegen halb zwei rückt der erste Löschzug aus Offenbach an. Bis gegen elf am nächsten Morgen ist das Feuer gelöscht, die erschöpften Feuerwehrmänner können endlich nach Hause.

Die entsetzten Dietzenbacher ziehen ihre Lehren aus dem Angriff und bauen Stollen und Bunker, da die normalen Hauskeller keinen zuverlässigen Schutz mehr bieten. Alte Männer, Frauen und Kinder buddeln sich tief in die Erde. Beispielsweise auf dem Wingertsberg, an der Rathenaustraße, im Kirchhof. Dobrowolski zufolge erinnern sich Georg Wolf und Philipp Eckert daran, dass an der Darmstädter Straße neben der alten Schule, wo das beim Luftangriff zerstörte Fachwerkhaus mit der sagenumwobenen Teufelsfigur am Hausbalken gestanden hat, ebenfalls ein Bunker errichtet worden ist.

Weitere Infos im Museum für Heimatkunde und Geschichte (Darmstädter Straße 7- 11), das sonntags von 15 bis 18 Uhr sowie wochentags nach Vereinbarung (Tel.: 06074/41742) öffnet.

Starke, mit Zimmermannsklammern verbundene Eichenstämme stützen die flache Decke und die Wände des etwa 2,10 Meter hohen, 1,70 Meter breiten und etwa 15 bis 20 Meter langen Baus ab. Der Bunker wird durch Stampfbeton gesichert, erläutert Dobrowolski. Eine dicke Erdschicht deckt das Ganze ab. „Zum Glück“, meint Dobrowolski, „musste dieser Bunker nicht beweisen, ob und in welchem Maße er bombensicher war.“ Sicherlich hätte er gut gegen Splitter und kleinere Brandbomben geschützt. „Ob er jedoch eine 50- oder eine 100-Kilogramm-Bombe ausgehalten hätte?“

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