Ein Unglück, viele Freundschaften

Sieben Jahre Partnerschaft mit Kostjukovitschi

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Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (von links) empfing auf dem Hessentag Freundeskreis-Vorsitzenden Dietmar Kolmer, Dolmetscherin und Deutsch-Gymnasiallehrerin Irina Lukaschenka und Nikolai Platanov, stellvertretender Vorsitzender des kostjukovitscher Exekutivkomitees.

Dietzenbach - Sieben Jahre offizielle Partnerschaft mit der weißrussischen Stadt Kostjukovitschi: Auf der akademischen Feier ist an den Auslöser der Verbindung ausführlich erinnert worden. Von Matthias Towae 

An der Wand des Stadtverordnetensitzungssaales sind von Kindern und Jugendlichen aus dem Regierungsbezirk Kostjukovitschi gemalte und gezeichnete Bilder zu sehen. Teils bunt, überwiegend jedoch gedeckte Farbtöne – Tristesse, Hoffnung und Traurigkeit zugleich symbolisierend. Vor 30 Jahren – am 26. April 1986 – geschah das Reaktorunglück im ukrainischen Tschernobyl. Ungefähr sieben Kilometer entfernt davon liegt die Grenze zu Weißrussland, das besonders stark von radioaktivem Niederschlag getroffen wurde. So wie Kostjukovitschi im Nordosten, aus dem seit einigen Tagen, wie berichtet, eine elfköpfige Delegation in der Kreisstadt anlässlich der Rückverschwisterungsfeierlichkeiten weilt.

Die Gäste des Festakts im Rathaus, darunter Wegbegleiter sowie -bereiter dieser Partnerschaft und der seit 1990 bestehenden Beziehungen beider Städte, woraus sich 1991 der hiesige Verein Freundeskreis Kostjukovitschi gebildet hat, sind in dem etwas über zwei Stunden dauernden Festakt Zeugen der Vitalität der Verbindung geworden.

„Die schreckliche Katastrophe hat uns zusammengeführt. Auf diese könnten wir verzichten, auf die Freundschaft mit den Menschen jedoch nicht“, betont Freundeskreisvorsitzender Dietmar Kolmer eingangs. Stadtverordnete Sabine Goeser, die Stadtverordnetenvorsteherin Christel Germer vertrat, beschwor den Geist solcher Beziehungen: „Das Wesen einer Städtepartnerschaft ist die Begegnung von Mensch zu Mensch, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen und immer wieder neue Freundschaften entstehen zu lassen.“

„Die Bilder führen zu einer Beklommenheit“, sagte Bürgermeister Jürgen Rogg über die an der Wand hängenden Werke der Schüler. Er erinnere sich noch an den Tag des atomaren Unglücks: „Die Bilder brennen sich ins Gedächtnis. Ich bin mir sicher, Sie wissen noch, was Sie an dem Tag gemacht haben“, stellte er rhetorisch fest. „Wie eine Medaille hat ein Ereignis zwei Seiten“, so Rogg. Bei Katastrophen rückten Menschen zusammen.

Nikolai Platanov, stellvertretender Vorsitzender des kostjukovitscher Exekutivkomitees, hielt es mit einem Sprichwort: „Wir hatten Glück im Unglück.“ Er erinnerte in der Folge an die ersten Besuche aus Deutschland. „Unsere Kontakte haben sich seitdem verfestigt“, freute sich Platanov. Ryhor Chepikau, Mitglied des Bezirkskomitees in Mogilev, informierte darüber, dass die bei dem Reaktorunglück freigesetzte Radioaktivität die von Hiroshima um das 50-Fache überstieg. „Die seelischen und körperlichen Folgen sind noch immer zu sehen“, so Chepikau. Ein Viertel des Territoriums sei verseucht. Belarus habe im Alleingang die Folgen zu beseitigen versucht und es geschafft, während darüber gestritten wurde, wer der Schuldige ist. Dennoch: Flüsse und Seen seien tabu, Dörfer unbewohnbar, Boden verseucht. Zudem musste viel neu gebaut werden.

Weiterer Ehrengast des Abends war die nach Berlin gezogene Dörte Siedentopf. Bis September vergangenen Jahres war die Medizinerin Vorsitzende des Freundeskreises Kostjukovitschi. In ihrem Vortrag mit dem Titel „30 Jahre Tschernobyl“ redete sie wider das Vergessen, welches Leid Atomkraft über die Menschheit gebracht hat und schloss mit den Worten: „Wir haben die Welt von unseren Kindern geliehen und übergeben sie ihnen an vielen Orten vergiftet und unbewohnbar.“ Schwere Kost, die vor dem gemütlichen Essen in der Ratsstube verdaut werden musste.

Bilder: Eindrücke des 56. Hessentags in Herborn

Heute werden die Delegationsmitglieder nach Heidelberg fahren. Zuvor war der Hessentag in Herborn, auf dem Landesvater Volker Bouffier die Gruppe kurz empfing, besucht worden. Des Weiteren stand der Besuch des Frankfurter Städels und Darmstadts – Mathildenhöhe und Hundertwasserhaus – auf der Agenda sowie Schulen der Kreisstadt. Am morgigen Mittwoch tritt die Delegation die Heimreise an.

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