In Schlamm abtauchen

So läuft die Faulturmsäuberung an der Kläranlage

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Roland Galler wird mit seinem schweren Taucheranzug aus dem Faulturm der Dietzenbacher Kläranlage gezogen und nach seinem erfolgreichen Säuberungseinsatz mit Wasser abgespritzt (Bild unten).

Dietzenbach - Wohl kaum jemand beneidet Roland Galller um seinen Job. Der Wiener ist gelernter Faulturmtaucher in Kläranlagen. In der Kreisstadt hat er jüngst sauber gemacht. Von Burghard Wittekopf 

Kuschlig warm, aber sehr dunkel – So könnte man den Arbeitsplatz von Roland Galler bezeichnen. Galler, 31 Jahre jung und muskulös gebaut, ist von Beruf Taucher, genauer gesagt: Faulturmtaucher. Sein heutiger Einsatzort: das Klärwerk von Dietzenbach an der Limesstraße. Seine Aufgabe: den Faulturm säubern. Galler ist Angestellter der Spezialfirma „Umwelt-Tauchservice Anton Ulrich“ aus Wien. Ausräumen, Trennen, Aufbereiten und Trocknen des Granulats ist das Spezialgebiet von Anton Ulrich. „Wir vermessen den Zustand des Turms sehr genau, bevor wir reingehen“, informiert Ulrich. „Hier in Dietzenbach besteht Handlungsbedarf, der Schlamm ist mindestens drei Meter hoch: Wir schätzen, dass wir ungefähr 140 Tonnen Granulat ausräumen müssen“, sagt er. „Das dauert schon mehrere Tage, wir nehmen übrigens nur den störenden Schlamm weg, die guten Bakterien bleiben bei unserer Methode erhalten.“

„Die letzte Säuberung hatten wir vor ungefähr 15 Jahren“, sagt Dr. Linda Hinken, Leiterin der Abteilung Abwasserentsorgung. Der Turm ist zehn Meter hoch. „Mit der Zeit setzt er sich mit Schlamm, Sand und Granulat zu und ist dann nur noch bedingt einsatzfähig“, erläutert Hinken. „Diese schwarze Pampe besteht aus Stoffen, die die Bakterien nicht fressen können, im Wesentlichen sind das mineralische Ammonium- und Phosphatverbindungen, die den Turm verstopfen.“ Auch nicht abbaubare Stoffe, wie einige Q-Tips und Einwegtücher finden sich im Schlamm. Eben alles, was das Gitter nicht abhalten konnte und nicht von den Bakterien gefressen wurde. „Aus dem Faulturm gewinnen wir normalerweise Faulgase wie Methan, die wir zur Energieversorgung im Klärwerk einsetzen“, erläutert Hinken

Den Faulturm besteigt Galler von oben, nachdem der tonnenschwere Deckel zuvor entfernt wurde. Der Geruch, der aus dem offenen Turm emporsteigt, ist erstaunlicherweise weniger schlimm als erwartet. „Wir versuchen natürlich alles, um die Geruchsbelästigung so gering wie möglich zu gestalten“, erläutert Hinken. „Und wir sind dankbar, dass wir so nette Anwohner im Umkreis haben“, sagt sie, es komme sehr selten zu Beschwerden.

Stahlseile, Schläuche und ein großer Absaugschlauch lassen vermuten, wo sich Galler in der dunklen Masse befindet. Akribisch und hoch konzentriert arbeitet er sich voran. Da er nichts sehen kann, muss er sich voranfühlen. Sein Taucheranzug ist sehr schwer: „Der Taucher hat Bleigewichte an den Füßen und am Körper“, sagt Ulrich. Insgesamt 100 Kilo trägt Galler zusätzlich an seinem Körper. Die Luftversorgung erfolgt über einen Schlauch mit Pressluft. Ein zweiter Schlauch ist zur Reserve. Kontakt mit seinen Kollegen hat er über ein Mikrofon. „Die Taucher müssen mindestens 200 Tauchstunden nachweisen und eine strenge Prüfung bei der IHK ablegen“, berichtet Ulrich, „vorher darf da keiner runter“.

Feuerwehr probt Ernstfall

Und Ulrich ist sehr stolz darauf, dass es in seiner langen Zeit noch nicht einen ernsthaften Unfall gab: „Kleinere Zwischenfälle, Bagatellen, ja, die gibt es hin und ab – aber keinen Unfall.“ Nach einer Stunde im Turm, ist die Einsatzzeit von Galler beendet. Über das Mikrofon bekommt er die Information, dass er gleich hochgezogen wird. Mithilfe einer Seilwinde erreicht Galler das Tageslicht. Die schwarze Masse klebt immer noch an seinem Anzug und muss nun abgespült werden. Dann kann Galler sich, mithilfe seiner Kollegen aus seinem Anzug herausarbeiten.

„Das Granulat, das aus dem Faulturm entfernt wurde, wird nun getrocknet und nicht wie früher als Mineraldünger auf die Felder ausgebracht, sondern in die Verbrennungsanlage gefahren und dort verbrannt“, sagt Hinken und blickt zufrieden auf den gesäuberten Faulturm.

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