In den Tischen schlummern mehr als 50 Jahre Stadtgespräch

Zur Grotte: Persico, Charme und Vergangenheit

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Herbert Michel, der stadtbekannte Betreiber der Grotte, ist seit 1960 nicht mehr aus Dietzenbach wegzudenken.

Dietzenbach - Herbert Michel, der Besitzer der Grotte, ist in Dietzenbach so bekannt wie ein bunter Hund. Und ob seiner 75 Jahre denkt der Kneipier nicht ans Aufhören, sondern schmiedet Zukunftspläne. Von Ronny Paul 

Er ist ein städtisches Urgestein – obwohl er in Dietzenbach weder geboren, noch aufgewachsen ist. Seine Kneipothek „Zur Grotte“ gehört zur jüngeren Stadthistorie wie kaum ein zweites Etablissement. Wohl jeder Dietzenbacher hat zumindest schon einmal davon gehört. Hat dort ein Bierchen oder Persico (Kirsch-Likör) getrunken. Oder ganze Abende, seine Jugend dort verbracht. So manch ein Pärchen hat in der Grotte zusammengefunden oder ist dort auseinandergegangen. Und seit mehr als 50 Jahren stets mittendrin: Herbert Michel. Am 1. Juli 1960 haben Michels Eltern aus dem Haus an der Rathenaustraße ein Spezialitätenlokal gemacht. Fünf Jahre lang hat Michels Mutter Annie dort Wild und Fisch aufgetischt. „Das ist gut gelaufen“, erinnert sich Michel, der zu der Zeit kellnerte. 1965, Michel war 25 Jahre alt, sagte er zu seiner Mutter: „Der Laden läuft so gut, da machen wir eine Disko draus.“ Gesagt, getan. Er kaufte das Haus, Mutter Annie setzte sich zur Ruhe. Michel bastelte das bis heute prägnante Höhlen-Design mit herunter hängenden Stalagmiten aus Folie, Holz, Pappmaché und viel Leim selbst zusammen. „Ich bin zwar kein Handwerker, aber fantasievoll“, sagt der heute 75-Jährige. So war die erste Jugenddisko Dietzenbachs und der umliegenden Gemeinden geboren. Bis heute hat sich an dem Interieur so gut wie nichts verändert.

Die Grotte versprüht immer noch den Flair der wilden 60er und 70er Jahre: In Tischen und Barhockern schlummern mehr als 50 Jahre Stadtgespräch. In den Gitarren an den Wänden vibriert immer noch der Beat der 60er. Die zu Kerzenhaltern umfunktionierten Whiskeyflaschen spiegeln Gesichter ganzer Generationen wider. Die Gitterluke an der Eingangstür kennt wohl bald so viele Fingerabdrücke wie die Datenbank der Polizei. Und vereinzelte Schiffsbilder erzählen von Michels Zeit vor der Grotte: Er ist gelernter Binnenschiffer. Doch obwohl er manchmal ans Wasser und Bootfahren dachte, blieb ihm kaum Zeit zur Wehmut: Die Grotte entwickelte sich zum „Selbstläufer“. „Ich habe mein Geld im Schlaf verdient, jeden Tag war die Grotte voll“, erinnert sich Michel.

Außer dienstags, da ist Ruhetag. Für die meisten Dietzenbacher war das „ein Volkstrauertag“, sagt der lebensfrohe Wirt und lacht. Seit den 90er Jahren ist es in der Grotte etwas ruhiger geworden, die Jugend habe sich umorientiert: „Früher habe ich die Bravo gekauft und kannte alle Musikhits – heute geht das nicht mehr“, sagt der Elvis-Fan. Er hätte am Liebsten mehr Ü-50-Gäste: „Mit denen kann ich umgehen, die kennen meine Musik.“ Wenn jeder nur ein Mal im Monat käme, der mich auf der Straße grüßt, wäre der Laden immer voll“, meint Michel und lacht..

Schlummertrunk: Heißer Milch orientalischen Touch geben

Wenn der Grottenbetreiber auf die Straße geht, sei stets die Frage: „Herbert, Gude! Wie lang’ willste das eigentlich noch machen?“ – „Ich bin jetzt 75, fühle mich aber wie 50“, antwortet der gebürtige Norddeutsche aus der Lüneburger Heide. „Wenn ich es durchhalte, möchte ich in der Grotte 80 Jahre alt werden – wenn nicht, wäre es mir Recht, hinter der Theke umzufallen.“ Er muss wieder lachen.

Michel plant, die Grotte ganz zum Oldie-Club umzufunktionieren, mit Hits aus den 60er- bis 90er-Jahren: „So kann keiner über die Musik meckern.“ Derzeit hat die Grotte freitags und samstags ab 20 Uhr geöffnet. Mittwoch und Donnerstag werden wohl bald wieder hinzukommen, sagt Michel. Zudem kann die Grotte und der separate Raum für Feiern gemietet werden.

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