Dietzenbacher Musiktage

Harmonien aus einem Guss

+
Victor Plumettaz am Cello und Julia Okruashvili am Flügel (Mitte) spielten ein Kammerkonzert in der Christuskirche. Pianistin Nami Ejiri (links) assistiert beim Notenumblättern.

Dietzenbach - Werke von Rachmaninow, Bartók und Says standen auf dem Programm des zweiten Konzertes von Marcel Jungs Reihe Dietzenbacher Musiktage. „Classic & Crossover“ lautete das Motto. Von Stefan Mangold

Dietzenbach - Werke von Rachmaninow, Bartók und Says standen auf dem Programm des zweiten Konzertes von Marcel Jungs Reihe Dietzenbacher Musiktage. „Classic & Crossover“ lautete das Motto. Die Pianistin Julia Okruashvili und der Cellist Victor Plumettaz spielten das zweite Konzert der Dietzenbacher Musiktage in der Christuskirche vor voll besetzten Bänken. Im Programm „Classic & Crossover“ spiegeln sich die Nationalitäten der beiden Musiker wieder. Okruashvili wuchs mit georgischen Namen ebenso in Russland auf wie Sergej Rachmaninow, dessen Sonate in g-Moll zum Schluss erklingt. Plumettaz stammt aus einer schweizerisch-ungarischen Verbindung.

Die Rhapsodie Nr. 1 des ungarischen Komponisten Béla Bartók steht zu Beginn auf dem Programm, bestens vor allen für den Cello-Part geeignet, sich erst mal frei zu spielen. Auch wenn das einer wie Plumettaz ebenso wenig braucht wie Okruashvili: beide mehrfache Wettbewerbs-Preisträger ihres Fachs. Bartóks Werk bewegt sich zwar im tonalen Kontext, jedoch stets gerade noch so im Rahmen, die Grenzen austarierend. Die Musik klingt kantig. Luftig und gefällig kommt trotz der tänzerischen Polka-Elemente auch seine Rhapsodie nicht ums Eck. Die Melodie des Cellos kreuzt immer wieder das Klavier mit Akkord-Dissonanzen.

Das Kammermusikgespann harmoniert wie aus einem Guss. Natürlich ist Plumettaz ein Cellist, der zulangen kann. Der sich mit voller Emphase in elegischen Passagen ergeht. Er gibt aber der Versuchung nicht nach, auf Teufel komm raus zu dominieren und das Klavier zur reinen Begleitung zu stutzen. Das ließe sich mit einer wie der selbstbewussten Pianistin Okruashvili ohnehin nicht machen. Ein gänzlich anderer Sound weht bei der Sonate „Vier Städte“ des türkischen Komponisten Fazil Say durch die Christuskirche. Nebenbei: Der in Ankara geborene Musiker, der in Deutschland studiert hat, bekam mit der Justiz seines Landes schön tüchtig Stress. Der Mann ist vorbestraft. Wegen Blasphemie verurteilte ihn ein Gericht zu zehn Monaten Gefängnis, wenn auch auf Bewährung.

Der 36-jährige Say zählt nicht zu den „Neu-Tönern“ der Moderne. Grob gesagt: er steht einem Benjamin Britten weit näher als einem Helmut Lachenmann. Die Pizzicato-Passagen am Anfang des ersten Satzes, der den Titel Sivas nach der Großstadt in Anatolien trägt, könnten auch einen Chanson oder Szenen aus einem französischen Film flankieren. In „Ankara“, dem dritten Satz, schreibt Say eine bestimmte Spieltechnik in den Klavierpart. Okruashvili dämpft mit den Fingern der linken Hand die Saiten des Flügels ab, die sie mit der rechten auf der Tastatur anschlägt. Der Effekt ist keineswegs eine manierierte Spielerei. Vielmehr unterstreicht er den Charakter der Melodie, die das Cello vorgibt.

Die Rachmaninow-Sonate zum Konzertende ist kein Stück, das sich technisch so nebenbei bewältigen lässt, schon gar nicht auf dem Klavier. Der 1917 aus Russland emigrierte Rachmaninow war selbst Pianist aus der Beletage der Zunft und tobte sich als Komponist dementsprechend auf dem Instrument aus, ähnlich wie etwa Franz Liszt. Für beide wunderbar zu spielen ist etwa der Anfang des zweiten Satzes, das treibende Galopptempo, das wiederholt in Kantilenen mündet. Langsam, sich dynamisch steigernd, um wieder retardierend abzufallen, verläuft der dritte Satz. Und spätestens beim vierten wird klar: Rachmaninow wirkt wie ein Gast, der sich mehrmals vom Tisch verabschiedet aber immer wieder zurückkehrt, weil ihm an der Türe wieder etwas einfiel, das er noch unbedingt berichten muss.

Kommentare