Tai-Chi an der Reuter-Schule

Kampfkunst fürs innere Wohl

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Detlef Bittner (links hinten) bei einer Tai-Chi-Übung in der JVA Rockenberg. Rechts: Dr. Jannik Rienhoff.

Dietzenbach - Die chinesische Kampf- und Meditationskunst Tai-Chi gibt es seit einigen Jahren als Gewaltpräventionsprojekt an der Ernst-Reuter-Schule. Dass Tai-Chi positiv auf Schüler wirkt, hat der Marburger Jurist Dr. Jannik Rienhoff untersucht. Von Ronny Paul

Bei chinesischer Kampfkunst denken nicht wenige als erstes an Bruce Lee und seine halsbrecherischen Kämpfe. Dass sich dahinter aber weit mehr verbirgt als dumpfes Draufhauen, hat Polizeioberkommissar Detlef Bittner in den vergangenen Jahren mit Tai-Chi in Dietzenbach bewiesen, wo es zwar darum geht, den Gegner zu besiegen, ihn aber nicht zu verletzen. Der ausgebildete Trainer im Deutschen Dachverband für Qigong und Taijiquan (DDQT) sieht Tai-Chi unter anderem als Übungsweg zur Körpererfahrung, die physisch und psychisch heilen kann. 2008 haben er und Polizeihauptkommissar Timo Erb dem Südosthessen-Polizeipräsidenten Roland Ullmann die chinesische Kampf- und Meditationskunst als Gewaltpräventionsmethode nahegebracht.

Die Ernst-Reuter- und die Aue-Schule waren 2011 als erste dabei, als Bittner Tai-Chi in Projektwochen und als Gewaltprävention in der Kreisstadt anbot. Die Verantwortlichen des Hegiss-Modellprojekts „Wir bewegen uns“ hatten sich bereit erklärt, dessen Kosten für ein Ausbildungsjahr zum Tai-Chi-Trainer zu übernehmen (die gesamte Ausbildung dauert sechs Jahre), während Bittner im Gegenzug versprach, binnen dreier Jahre Tai-Chi-Kurse sowie die Ausbildung von Multiplikatoren anzubieten.

Der Marburger Jurist und Kriminologe Dr. Jannik Rienhoff hat nun seine Evaluationsergebnisse des Projektes „Gewaltprävention durch Tai-Chi/Meditation“ im Bildungshaus vorgestellt. Rienhoff hat zwei Jahre lang in Kooperation mit Bittner und Erb das Projekt an der Ernst-Reuter-Schule (ERS) begleitet, Schüler und Lehrer interviewt und die Beobachtungen und Aussagen ausgewertet. Rienhoffs Fazit: Die Teilnahme am Kurs habe eine positive Auswirkung auf die soziale Kompetenz, verringere die Aggressivität und fördere reflektiertes, ruhiges und weniger impulsives Handeln der Schüler.

Das kann Ernst-Reuter-Schulleiter Dr. Georg Köhler bestätigen. Er habe bei einigen teilnehmenden Schülern schon nach einer Woche positive Verhaltensänderungen festgestellt. Wenn ein Schüler ein weniger ausgeprägtes Verhaltensinstrumentarium von Haus aus zur Hand bekomme und sich nicht anders zu helfen wisse, „gibt er Faust“, schildert Köhler beispielhaft im Jugendjargon.

Daher wolle er an seiner Schule versuchen, den Schülern mehr Handlungsmöglichkeiten zu vermitteln. Er habe zwar erst nichts damit anfangen können, als ihm Bittner und Erb Tai-Chi als Gewaltpräventionskurs in der Schule vorschlugen, habe das Konzept aber interessant gefunden. So gab es 2011 zuerst ein Angebot in der Projektwoche der ERS, dann eine dreiwöchige Probephase in einer achten Hauptschulklasse. „Die Kinder fanden das Angebot nach der Probephase gut – ich auch“, sagt Köhler.

Daher wird seit 2012 Tai-Chi an der ERS im Rahmen der Ganztagsbeschulung als freiwilliger Kurs für Achtklässler angeboten. Zu Beginn von Erb und Bittner, seit zwei Jahren von Lehrer Moritz Schuh, der bei beiden hospitiert hat.

Aus Schülern zweier Hauptschulklassen bildet sich eine Tai-Chi-Gruppe. Köhler: „Das ist ein sehr begehrtes Wahlangebot.“ Die Schüler seien begeistert und meist überpünktlich. Eine Erfahrung, die Lehrer Schuh untermauert: „Wir haben zu Schuljahresbeginn fünf Minuten in der Gruppe meditiert, mittlerweile schaffen die Schüler 25 Minuten – und es tut ihnen gut.“ Zudem habe er bei den Schülern eine Entwicklung in der Persönlichkeit festgestellt.

Bittner, der Kontaktbeamte bei der Polizei für das Spessartviertel, schwört auch aus diesem Grund auf die chinesische Kampf- und Meditationskunst, die allerdings auch eine gehörige Portion Disziplin verlangt. Die Schüler lernen die Mikro-Thai-Chi-Variante mit zwölf Bildern. Rund 80 gibt es insgesamt.

Nach seiner wissenschaftlichen Studie jedenfalls empfiehlt Rienhoff, das Tai-Chi-Angebot für Jugendliche auszuweiten: „Der Kurs ist vielversprechend in seinem Effekt“ , sagt der 32-Jährige. Er hofft, dass sich der Kurs an der Gesamtschule weiterhin etabliert und zudem Nachahmer findet.

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