„Heute ist das nicht viel anders“

Schuhmacher demonstriert Aue-Schülern sein Handwerk

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Carmelo Vella erklärt Aue-Schülern in der historischen Schuhwerkstatt im Heimatmuseum sein Handwerk. 

Dietzenbach - Aue-Schüler kleben im Heimatmuseum an den Lippen von Carmelo Vella. Der Schuhmacher bringt den Grundschülern sein Handwerk nahe. Von Ronny Paul 

Ein Leben ohne Schuhe ist für die meisten Menschen schwer vorstellbar. Warum, das wissen auch die 13 Kinder der Aue-Schule, die während der Schulprojektwoche die historische Schuhwerkstatt im Heimat- und Geschichtsmuseum besuchen: „Ohne Schuhe bekommt man Splitter in die Füße“, sagt Grundschüler Luca. „Und es ist kalt“, ruft eine andere Schülerin. Museumsleiterin Maria Polatowski-Ruprycht erklärt der Gruppe: „Schon in der Steinzeit haben Menschen versucht, ihre Füße zu schützen.“ Zuerst, indem sie wohl Tierfelle um Füße und Waden gewickelt haben. Aus der primitiven Urform wurden Stiefel. Den ältesten gefundenen Lederschuh datieren Archäologen auf etwa 4300 Jahre vor Christus.

Ganz so alt sind die Schuhe freilich nicht, die der Dietzenbacher Schuhmacher Carmelo Vella auf Einladung von Polatowski-Ruprycht und Lehrerin Christel Hofsess den Aue-Schülern im Heimatmuseum vorführt. „Früher wurden Schuhe immer aus Leder gemacht“, erklärt der Schuhmacher. Heute meist aus Kunststoffen. „Hast du schon mal Nike-Schuhe gemacht?“, fragt Zweitklässlerin Zainab. Vella muss schmunzeln: „Nein, aber repariert.“ Er erklärt: „Die meisten Schuhe werden heutzutage maschinell hergestellt.“ Aber da die Schüler wissbegierig sind, demonstriert Vella, wie Schuhmacher früher ihr Handwerk mit historischen Werkzeugen ausgeübt haben.

„Als Erstes nimmt man einen Leisten.“ Ein Formstück, früher aus Holz. Als Nächstes folgt die Brandsohle. Darauf der Schaft, dann die Hinter- und Vorderkappen: „Die halten die Schuhe zusammen“, sagt Vella und fragt in die Runde: „Was heißt eigentlich einen Schuh zwicken?“ Die Schüler raten: „Weil man mit der Zange den Schuh zwickt.“ Vella demonstriert und erläutert: „Einen Schuh zwicken heißt, ihn über den Leisten ziehen.“ Da kann auch was schiefgehen: „Wenn der Leisten am Ende rausgezogen wird und ein Nagel vergessen wurde, hat man ein Problem.“

„War dein erster Schuh gut?“, möchte die achtjährige Zainab wissen. „Nein“, antwortet Vella knapp. Er habe viel üben müssen. Mit 13 Jahren hat er bei einem zweiwöchigen Schulpraktikum bei Schuh-Trost in Offenbach seine Leidenschaft entdeckt. „Nach dem Praktikum habe ich nachmittags dort weiter gejobbt“, sagt der 40-Jährige, „und mit 15 Jahren habe ich dort meine Lehre begonnen“. Zwischenzeitlich hat Vella, der im Pfarrgemeinderat von St. Martin aktiv ist, vier Jahre lang in der Gepäckabfertigung am Frankfurter Flughafen gearbeitet. Ein dreiviertel Jahr sogar gleichzeitig am Flughafen und in seinem Geschäft an der Rathenaustraße, das er 2003 übernommen hat.

Die Kinderzimmer vergangener Tage

Aber wie heißt es im Volksmund: Schuster bleib’ bei deinen Leisten. „Ich habe das Schuhmachen vermisst.“ So ist Vella in sein Handwerk zurückgekehrt und hat sich nur noch auf seinen kleinen Laden an der Rathenaustraße 20 konzentriert. Dort arbeitet er alleine und kann sich über mangelnde Beschäftigung nicht beschweren. „Es läuft, die Kisten sind voll – ich könnte auch eine Woche schließen und hätte immer noch genug zu tun“, sagt er und lacht. Schon in den 90er Jahren habe es geheißen: „Schuhmacher werden aussterben.“ Dem ist nicht so: Vor allem ältere Menschen und Geschäftsleute lassen ihre Schuhe bei ihm reparieren. Womöglich auch bald der ein oder andere Aue-Schüler, der im Heimatmuseum an Vellas Lippen klebt. „So war das früher“, beendet Vella den Vortrag. „Heute ist das nicht viel anders, nur moderner.“

Für die Gruppe geht’s die ganze Woche um Schuhe. Am morgigen Donnerstag stellen die Aue-Schüler im Heimatmuseum zusammen mit Leiterin Polatowski-Ruprycht eigene Sandalen her. Insgesamt gibt es 18 Gruppen in der Aue-Schule, die sich fünf Tage lang mit einem Thema beschäftigen. Darunter: Paris, Schokolade oder Film und Fernsehen.

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