Wo bedürftige Dietzenbacher ihre Tüten mit etwas Lebensqualität packen

Ein Tag bei der Tafel: Auf beiden Seiten des Tisches

+
Zwei Euro, eine Münze, zahlen die Tafelkunden als symbolischen Preis für eine Tüte voller Lebensmittel und Hygieneartikel. Roswitha Lengler (links) ist seit über sieben Jahren dabei, steht auf der angenehmeren Seite des Tisches.

Dietzenbach - Eine Nummer gezogen, die Tüten gepackt: Für Dietzenbacher Bedürftige ist die Runde bei der Tafel mehr als ein lebensnotwendiger Einkauf. Wer nie dort war, hat kaum eine Vorstellung vom Geschehen im Gemeindehaus St. Martin. Ein Tag zwischen Wasserflaschen, Hilfsbereitschaft und Scham. Von Carolin Henneberg

Freitag, 8 Uhr, vorm Gemeindehaus St. Martin: Der Himmel starrt glanzlos grau, es nieselt. Die Menschen, die mit großen Tüten, Taschen und Einkaufstrolleys zur Kirche laufen, stört das wenig. Einmal die Woche kommen Kunden, wie Christel Germer die bedürftigen Kreisstädter nennt, um Lebensmittel und Hygieneartikel bei der Tafel abzuholen. „Wir sind wie ein kleines Unternehmen“, sagt Germer, Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins. Jeder habe seine Aufgabe. Jeder, das sind 60 bis 70 Ehrenamtler, die mit viel Engagement dabei sind. „Ohne die Helfer geht es natürlich nicht“, weiß Germer, ist daher immer auf der Suche nach weiteren Freiwilligen. Vorm Gemeindesaal krümmt sich die Menschenschlange lang und länger, bunte Trolleys reihen sich im Flur aneinander. Bevor sie gefüllt werden können, geht’s zur ersten Station: Liane Krämer und Doris Tomlinson sitzen an einem Tisch, kontrollieren Ausweise, überprüfen, ob die wartenden Menschen auch wirklich zu ihren Kunden gehören. Wenn diese Hürde übersprungen ist, ziehen die Tafelgäste ein Los. Die Nummer entscheidet darüber, in welcher Reihenfolge sie an die Waren dürfen. Bis 10.30 Uhr ist der Tisch besetzt – wer danach kommt, muss ganz bis zum Schluss ausharren und schauen, ob etwas übrig ist, oder nächsten Freitag wiederkommen.

Um kurz nach Halb klopft es an der bereits geschlossenen Tür. Eine junge Frau steht davor, möchte eine Nummer ziehen. „Hier ist jetzt zu“, sagt Krämer. Die Frau beteuert, sie sei beim Arzt gewesen, das habe gedauert. Ob Ausrede oder Wahrheit, sie bekommt kein Los mehr. „Heute ist es etwas stressig“, sagt Tomlinson, „viele verstehen nicht, warum sie nicht berechtigt sind, Lebensmittel von der Tafel zu holen.“ Da gibt es klare Richtlinien: „Wir nehmen zum Beispiel keine neuen Harz IV-Empfänger auf“, sagt Germer. „Wir mussten und müssen uns auf die Flüchtlingsproblematik einstellen.“ Etwa zweimal pro Woche habe sie Anfragen, die sie ablehnen müsse. Rund 350 Namen, Menschen aus 28 Nationen, stehen auf ihrer Liste, die Grenze ist erreicht.

Sozialverband: So viel Arme in Deutschland wie noch nie

Wer seine Nummer gezogen hat, wartet. Wartet, bis seine Zahl aufgerufen wird. Dann geht’s eine Runde durch den Gemeindesaal. Die schweren Lebensmittel wie Getränke, Marmelade, Essig und Öl gibt’s am Anfang, damit sie unten in der Tasche landen. Roswitha Lengler kümmert sich heute um diesen ersten Tisch. Seit über sieben Jahren ist sie Mitglied der Tafel. Normalerweise helfen die Ehrenamtler im Drei-Wochen-Rhythmus. Die 62-Jährige kommt jeden Freitag: „Ich bin einfach gerne hier. Es kommen immer so nette Menschen“, sagt sie und legt einer älteren Dame mehrere kleine Wasserflaschen in ihre Tasche. Sie flötet „ein schönes Wochenende“, die Frau läuft zum nächsten Tisch. „Schade, dass es meist nicht über solche Floskeln hinaus geht“, bedauert die Dietzenbacherin. Sie muss sich sputen, die Schlagzahl erhöhen, viel Zeit für Unterhaltungen bleibt da auch nicht: „Ich brauche nicht ins Fitnessstudio gehen, so viel Bewegung, wie ich hier habe“, sagt sie, lacht und wuchtet die nächste Kiste mit Säften und Energydrinks auf den Tisch. „Koffein geht immer, da stehen vor allem die jungen Männer drauf.“ Kaum hat sie den Satz ausgesprochen, kommen zwei minderjährige Flüchtlinge zu ihr. Sie lächeln Lengler an, bedanken sich für jede Dose, die in den mitgebrachten Rucksack plumpst.

Damit die Helfer auf den ersten Blick sehen, für wie viele Familienmitglieder Essen geholt wird, tragen die Kunden eine Zahl um den Hals. „So können wir gleich einschätzen, welche Menge wir einpacken“, erklärt Lengler. Schließlich müsse die Tafel alles gut einteilen, denn jeder will was haben. Die Waren spenden Supermärkte der Kreisstadt, abholen müssen sie aber die Tafelmitarbeiter. Was es genau gibt, wisse man vorher nie, „wir lassen uns jeden Freitag überraschen“, sagt Germer.

Ein Vater mit seinem Sohn hat gerade die Runde beendet, beide schleifen drei prall gefüllte Taschen hinter sich her, ein Schild mit der Sieben baumelt um seinen Hals. Er habe es mit dem Rücken, deswegen könne er nicht gut tragen. Einer der Ehrenamtlichen hilft, schleppt die Taschen nach draußen zu den Fahrrädern. Doch auch wenn der Umgangston freundlich, die Worte herzlich sind: Nicht alle halten sich immer an die Regeln. „Da versucht sich der Neffe schon mal als sein Onkel auszugeben, oder gute Lose mit kleinen Zahlen gehen ,verloren’, werden dann einfach behalten, um beim nächsten Mal gleich dranzukommen“, sagt Germer. „Aber wir lassen uns nicht an der Nase herumführen.“

Unicef-Bericht: Wenige Fortschritte für benachteiligte Kinder

Eine, die weiß, wie es läuft, ist eine 64-jährige Dietzenbacherin. Sie kommt seit vier Jahren zur Tafel: „Ich bin ehrlich“, sagt sie und nimmt ein Päckchen Trauben entgegen. „Aber in meinem Bekanntenkreis wissen nicht viele, dass ich herkomme.“ Ihr Mann und sie hätten das nie an die große Glocke gehängt. „Wir sind darauf angewiesen, unangenehm ist es trotzdem.“ 43 Jahre habe sie bei einem Pflegedienst gearbeitet, mit 60 verlor sie ihre Stelle, „keiner will einen dann noch einstellen“. 162 Menschen sind gekommen, um sich für eine Woche mit Notwendigem einzudecken. Obendrein haben Helfer rund 30 Tüten zu den Kunden nach Hause geliefert, die nicht mehr laufen können. Alle sieben Tage verteilen die Helfer hier ein bisschen Lebensqualität für viele Bedürftige.

Auch am heutigen Freitag wird der Andrang wieder groß sein. Die Kunden werden wieder eine Nummer ziehen, warten, ihre Runde im Gemeindesaal drehen. Dann stehen die Helfer schon bereit, stets mit einem Lächeln auf den Lippen. „Unter uns Kollegen haben sich tolle Freundschaften entwickelt, auch mit vielen Kunden verstehen wir uns super“, sagt Lengler. „Aber ich sage immer: Ich bin froh, dass ich auf dieser Seite des Tisches stehe.“

Kommentare