Wirtschaftsförderung führt über den Geschichtspfad

Tiefe Einblicke in die Historie

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Martina Thater-Rebel (von links) und Michael Krtsch von der Wirtschaftsförderung erläutern vor dem „Aufbrechenden Ei“ am Geschichtspfad die Stadthistorie. Die älteste Erwähnung Dietzenbachs findet sich auf einer Schenkungsurkunde (rechts) aus dem Jahr 1220.

Dietzenbach - Die Wirtschaftsförderung hat die Führungstrilogie auf dem Geschichtspfad eröffnet. Als Erstes stand ein Einblick in die ökonomische Stadthistorie auf dem Plan. Von Burghard Wittekopf

Das moderne Dietzenbach ist mit Sicherheit eine wohnenswerte Stadt. Sie bietet Kultur, ein schönes Leben, die Nähe zum Ballungsraum Rhein-Main und zum Flughafen. Dietzenbach ist aber gleichzeitig weit genug vom Stress entfernt. „Ein Volk kann seine Gegenwart und seine Zukunft nur gestalten, wenn es seine Vergangenheit versteht und daraus seine Lehren zieht.“ Dieses Zitat stammt von Konrad Adenauer und passt auch zu Dietzenbach. Denn die Stadt hat sehr klein angefangen und ist inzwischen groß geworden. Manchem Bürger vielleicht zu groß mit allen Problemen. Wenn Sie hier leben, dann sind Ihnen die Probleme der Stadt bekannt.

Aber kennen Sie auch die Hintergründe, die zu diesen Problemen geführt haben? Woher kommt eigentlich das Spessartviertel? Warum ist die Stadt unter dem Rettungsschirm? Wie geht es mit der Stadt weiter? Viele Fragen, die ihre Antworten in der Geschichte finden. Über die Historie Dietzenbachs informiert das Museum für Heimatkunde und Geschichte. Die Sammlung ist nach Schwerpunkten gegliedert und illustriert schrittweise die Vergangenheit des Ortes. Live und lebendig lässt sich die Entstehungsgeschichte auch am wiederbelebten Geschichtspfad erleben. Dort bieten sich Interessierten besondere Leckerbissen. In insgesamt drei Führungen wird dort historisches Wissen vorgetragen, wobei zu den Themen ausgewählte Stationen des Geschichtspfades angesteuert werden.

Die erste Führung stand unter dem Motto „Das Wirtschaftswunder“. Geplant und veranstaltet hat die Führung die Wirtschaftsförderung, unterstützt vom ehemaligen Presse- und Öffentlichkeitszuständigen der Stadt, Detlev Kindel, der ein wahres Geschichtslexikon ist.

Martina Thater-Rebel von der Wirtschaftsförderung übernahm die Einführung und referierte zum Thema „Die Anfänge Dietzenbachs“. Für diesen Teil des Geschichtspfads hat der Künstler Joachim Kreutz ein Symbol geschaffen. Kreutz, der auch das Deiwelsche und den Ausscheller kreiert hat, schuf das „Aufbrechende Ei“ auf dem damals eigens eingerichteten Werkplatz vor dem Rathaus. Die Mitarbeiter des Rathauses konnten sich damit sicherlich schwerlich abfinden, denn die Entstehung des Kunstwerkes aus einem 2,5 Tonnen schweren Rohblock, war natürlich mit einigem Lärm verbunden.

Dietzenbach Anfang der 60er Jahre: Eine Luftaufnahme zeigt die Friedrich-Ebert-Straße, abgebildet auf einer Postkarte von Peter Lehr. 

Sinnbildlich für die Schaffenskraft, die in Dietzenbach steckt, eröffnete Thater-Rebel ihren Vortrag mit einem Zitat von Christopher Columbus: „Sie hätten es ja auch machen können, haben es aber nicht gemacht.“ Columbus hatte bei einem Essen ein Ei auf den Kopf gestellt und damit die Gäste überrascht. „Dietzenbach war bereits in der frühen Neuzeit eine recht stattliche Gemeinde und eines der größten Dörfer der Region, jedoch ohne besondere Funktion und Bedeutung für das Umland“, sagte Thater-Rebel. Die älteste erhaltene Erwähnung findet sich in einer Schenkungsurkunde an das Kloster Patershausen aus dem Jahr 1220. Dort wird erwähnt, dass die wüsten Siedlungen Ippingshausen, Harteshofen und Richolshausen in der heutigen Gemarkung Dietzenbachs lagen. Zu dieser Zeit besiedelten etwa 350 Einwohner die Gemarkung.

Dietzenbach selbst war Teil der Gemarkung Rödermark. Das Datum 1220 ist vom Staatsarchiv Darmstadt verbrieft worden, wobei es sich eigentlich nicht um ein definitives, sondern um ein Zirka-Datum handelt. Man weiß, wer die Schenkungsurkunde unterschrieben hat. Aus den Geburts- und Todesdaten kann die Zeit auf zehn Jahre genau ermittelt werden. Verwirrend scheint auf den ersten Blick, dass sich der Name „Dicenbah“ aus dem Ei befreit. Allerdings hat der heutige Name Dietzenbach schon mehrere Schreibweisen durchlebt. So findet man bis etwa 1270 die Schreibweise „Dicenbah“. Aber auch „Dyetzinbach“ und „Detzenbach“ sind urkundlich zu finden. Die heutige Schreibweise Dietzenbach wurde bereits 1542 erwähnt. Die nächste Station auf dem Geschichtspfad führte zur „Verleihung der Stadtrechte.“ Diese Station beschreibt den Übergang vom dörflichen in das neue Dietzenbach. Das dörfliche Dietzenbach stellen Würfel mit Fachwerk dar. Das neue, in der Entwicklung befindliche und aufstrebende Dietzenbach, repräsentieren unfertige Betonwürfel.

„Dietzenbach hat in den 60er Jahren einen enormen Zuwachs erfahren“, sagt Michael Krtsch, Leiter der Wirtschaftsförderung. 1960 betrug die Einwohnerzahl 6 000 Menschen. 1970 sind es schon mehr als 12.000 Einwohner. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Einwohnerzahl also verdoppelt. In diesen Jahren setzte ein starker Strukturwandel ein, vor allem mit der Erschließung von Wohngebieten und dem Bau von Großwohnsiedlungen, die heute soziale Brennpunkte sind. 1970 bekam Dietzenbach die Stadtrechte zugesprochen und feierte dies ausgelassen mit einem großen Fest. Eigentlich sollte Dietzenbach noch stärker wachsen. Maßgeblich vorangetrieben wurden diese Pläne vom damaligen Bürgermeister Hermann Kocks, der die Geschicke der Stadt von 1958 bis 1976 leitete.

1971 wurde Dietzenbach als Siedlungsschwerpunkt ausgewiesen und im Januar 1973 durch Rechtsverordnung der hessischen Landesregierung als erste Stadt Hessens zum Entwicklungsbereich der Region erklärt. Darauf folgte rege Bautätigkeit – Dietzenbach und Steinberg wuchsen zusammen und ein neues Stadtzentrum entstand. Es gab Pläne, dass in der Stadt bis zu 70.000 Menschen eine Bleibe finden sollten. Diese enorme Zahl wäre nur durch den weiteren Bau von Hochhäusern möglich gewesen. Doch die Pläne wurden verworfen. Denn bereits 1974 standen 1 300 Wohnungen leer. Letztlich führte ein Umdenken weg vom Hochhaus hin zum eleganten, freien Wohnraum. Dietzenbach blieb das Schicksal einer Trabantenstadt erspart.

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Aktuell ist Dietzenbach eine attraktive Kommune mit einer gesunden wirtschaftlichen Basis. Laut Krtsch zählt die Stadt derzeit 13.000 sozialpflichtige Beschäftigte. „Wir haben eine sofortige Verfügbarkeit von Gewerbeflächen, die vollständig erschlossen sind. Die Neuansiedlung von Wirtschaftszweigen ist gelungen“, sagt Krtsch. So baut die chinesische Firma „Great Wall Motors“ in Dietzenbach ihr neues Forschungs- und Entwicklungszentrum. Dort, schätzt Krtsch, entstehen alleine 100 hochqualifizierte Arbeitsplätze .

Weitere Führungen auf dem Geschichtspfad (Verlängerung der Ober-Rodener-Straße) sind für Sonntag, 4. September, 15 bis 16 Uhr (Thema: „Der Neubeginn“), und für Samstag, 10. September, 10 bis 11 Uhr („Mit Sack und Pack“), geplant.

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