Sherlock Holmes ohne Dr. Watson

Burgfestspiele: Mittelalterkrimi "Der Name der Rose"

Dreieich - Selten empfand man auf der Hayner Burg als Zuschauer so viel Mitleid mit den Schauspielern. Malte Kreutzfelds Bad Vilbeler Inszenierung der Bühnenfassung von Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ verlangt den Akteuren allerhand ab. Von Eva Schumann

Im Auge des Sturms: Oliver Seidel als Adson von Melk und Thomas Dehler als WIlliam von Baskerville ermitteln in einer Gemengelage von religiösem Wahn und verklemmter Lüsternheit.

Und das nicht nur den mehr oder weniger verrückten Mönchen einer mittelalterlichen Benediktinerabtei, sondern auch der einzigen Frau. Auf einer schrägen Bühne müssen die Schauspieler teils unentwegt hin- und herrennen wie verscheuchte Hühner, teils als Leichen herunterrollen und ewig lange stillhalten. Sie müssen sich im Dreck wälzen, mit blutroter und anderen Farben beschmieren, mit Asche bewerfen oder mit brennbarer Flüssigkeit besprühen. Da wird gegeißelt und gegrapscht, geprügelt und gerungen, oder man vereinigt sich in erotischen Verschlingungen. Alice von Lindenau als Bauernmädchen, das mönchische Keuschheit ins Wanken bringt, wird wie ein lebloses Objekt herumgeschleppt, beteiligt sich aber als zumeist stummes Wesen wenigstens nicht am allgemeinen Dauergebrüll. Und der bedauernswerte Norbert Wendel als Kellermeister Remigius muss sogar splitternackt agieren, allerdings mit großer Souveränität. Die Szene, in der er vor dem erbarmungslosen Inquisitor Bernard Gui (Martin Müller) um sein Leben fleht, gerät so zur packendsten der Aufführung.

Souverän kann sich auch Thomas Dehler als Franziskanermönch William von Baskerville geben, einziger Protagonist ohne Seelenknacks. Mit seinem Adlatus Adson zu Besuch im Kloster, versucht er den hysterischen, von theologischem Wahn und verklemmter Lüsternheit besessenen Brüdern Vernunft zu vermitteln. Dehler gelingt es, in der nur allzu bekannten Rolle mit Ruhe und leisem Humor zu überzeugen, als pfiffiger Detektiv, weiser Lehrer und besonnener, nur selten streitbarer Disputant.

Da William sich gleich bei seiner Ankunft als Sherlock Holmes erweist, wird er mit der Aufklärung rätselhafter Todesfälle beauftragt. Dabei ist ihm sein junger Schüler nicht besonders hilfreich. Oliver Seidel in der Rolle des Adson von Melk ist hier weniger eine Art Dr. Watson; er darf sich sehr viel kecker in den Vordergrund spielen, als man es vom Film her kennt, und muss sich auch akrobatisch bewähren. Er mischt sich zwar in die Streitgespräche, jedoch ist er vor allem erfüllt von der ersten Liebe zur namenlosen Rose, die ihn verführt hat. Er darf Visionen in Szene setzen und wird sogar zum Gotteslästerer.

Bilder: Feinste Akrobatik unter Sternen

Es fehlt nicht an komischen Momenten, auch unfreiwilliger Art. Mit Sicherheit sangen Benediktinermönche damals nicht dauernd Kyrie eleison, und schon gar nicht so kläglich ungekonnt wie die Bad Vilbeler. Dass Hamlets Schädelmonolog zitiert wird, wäre noch plausibel, was ein Busch-Zitat hier soll, indes weniger. Trotz theologischer Dispute, unter anderem zu den Konflikten zwischen Franziskanern und Benediktinern, dominiert die Krimihandlung. Die Burg ist dafür eine treffliche Kulisse, zumal mit Rauch umflort. Nicht auf engem Raum vorführbar ist die labyrinthische Bibliothek, die in Umberto Ecos Geschichte die Hauptrolle spielt, da hier das verbotene Buch des Aristoteles über die Komödie lag, direkt oder indirekt Ursache für Morde und Selbstmorde. Der blinde Jorge (Heinrich Cuipers) hatte die Seiten mit Gift bestrichen. Flammen hinter der Bühne samt Sturz Jorges überzeugen vom Untergang der wertvollen Bücherei und des Fanatikers.

Symbolische Fingerzeige im wörtlichen Sinn auf das todbringende Blättern geben die Schauspieler schon vorher. Auch das wirkt eher albern. Geschickt aber löst der Regisseur das Problem mit diversen Mordopfern. Der ermordete Bibliothekar (Kai Möller) verschwindet im Untergrund. Der Anblick des Kessels mit Schweineblut, in dem Übersetzer Venantius (Fabian Jung) ertrinkt, bleibt dem Zuschauer erspart.  Das Publikum in der ausverkauften Burg ließ sich von nichts abschrecken und belohnte die kühne Aufführung mit anhaltendem Applaus.

Rubriklistenbild: © Sauda

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