Sprachlose Stille, tosender Beifall

Fulminant, furios, fantastisch: „Varieté unter Sternen“

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Was so spielerisch leicht aussieht, ist harte Arbeit. Dem Jonglierduo E1inz aus der Schweiz genügt ein Tisch, um das Publikum in Erstaunen zu versetzen. Virtuos ist auch, was die beiden auf der Bühne mit Sektflaschen anzustellen wissen.

Dreieichenhain - Wenn das Publikum große Augen macht, mit offenen Mündern in den Rängen sitzt und wiederholt ein ehrfürchtiges „Ah“ und „Oh“ ertönt, hat bei den Burgfestspielen die Sternstunde geschlagen: Die Artisten des Neuen Theaters Höchst zeigen von Donnerstag bis Samstag beim „Varieté unter Sternen“ ihre unglaublichen Künste, die garantiert in Staunen versetzen. Von Sina Gebhardt 

Dicke Regenwolken halten sich hartnäckig über der Hayner Burg und verdecken die angekündigten Himmelskörper, aber dafür strahlen die Sterne auf der überdachten Bühne umso heller: Artistik, Jonglage, Seiltanz und Comedy – breit aufgestellt ist das künstlerische Repertoire, das Conférencier Thomas Otto den Zuschauern präsentiert und mit seinen eigenen Zauberkünsten bereichert. Witzig und charmant führt er durch den Abend und wäre für sich genommen schon eine Attraktion, wenn er wiederholt mit dem Publikum spielt, Gegenstände verschwinden und wieder auftauchen lässt und die Leistungen der Artisten kommentiert: „Probieren Sie das zu Hause auch mal aus!“ Diesen Ratschlag sollte man allerdings keinesfalls beherzigen, denn der Versuch, den Weltmeister des Einradsports zu imitieren, würde aller Wahrscheinlichkeit nach im Krankenhaus enden. Eine Treppe, eine schmale Planke und ein Trampolin stehen Paul Chen auf der Bühne zur Verfügung und für seine Kunststücke nutzt er alles: Seitlich hüpft der Groß-Umstädter auf dem Einrad die Stufen empor, legt sich bäuchlings auf den Sattel und manövriert sich nur mit den Händen über den Steg, bevor er zum BMX-Einrad wechselt und damit erst mit und dann ohne das Trampolin gewaltige Sprünge wagt.

Anaelle Molinario braucht für ihre Darbietung nur ihren Körper, doch der ist dafür ganz speziell: Die Kontorsionskünstlerin zeigt unglaubliche Verrenkungen, die erst für sprachlose Stille und dann für tosenden Beifall sorgen. Musikalisch gelungen untermalt, präsentiert sie in einer pfiffigen Performance nicht nur, wie gelenkig sie ist, sondern auch in welchem Tempo sie die Figuren wechseln kann. Erstauntes Lachen begleitet die Schlangenfrau, wenn sie sich auf den Bauch legt, die Beine von hinten über den Kopf hebt und sich mit den Füßen die Augen zu hält – und dabei noch keck die Zunge herausstreckt.

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Körperbeherrschung ist das A und O bei den Artisten, sei es die fantastische Seiltänzerin Sarah Lindermeyer, die eine fehlerlose und rhythmisch rasante Choreografie darbietet, oder das Akrobatik-Duo Vanessa und Sven, bei dem nicht er sie, sondern sie ihn trägt: Kein Muskel zittert, obwohl doch jeder angespannt sein muss, wenn er sich auf ihrem freischwebenden Schienbein abstützt und quälend langsam in den perfekten Handstand erhebt. Die gebannte Sprachlosigkeit, die den Künstlern folgt, wird immer wieder durch humoristische Darbietungen erlöst. Das Jonglierduo E1inz aus der Schweiz zeigt mit fröhlicher Leichtigkeit, dass man mit Sektflaschen mehr machen kann, als sie nur zu trinken, und der Mimen-Comedian Herr Niels erheitert das Publikum wortlos mit seinen körperlichen und mimetischen Verrenkungen.

Bilder: Feinste Akrobatik unter Sternen

Bei den durch die Bank weg meisterlichen Leistungen des Abends wäre es eine Floskel zu behaupten, dass das Beste erst zum Schluss kommt. Mit Claudius Specht aber kommt tatsächlich einer der Besten in seinem Metier. Der Jongleur gewann Gold beim Niculin Festival in Moskau und nachdem man zugesehen hat, wie temporeich er die Kegel wirbelt oder sage und schreibe acht Becher in die Luft wirft und mit je einem Behältnis in der Hand wieder auffängt, weiß man auch, dass er diese Auszeichnung verdient hat.

Am Ende besteht kein Zweifel, warum „Varieté unter Sternen“ nahezu ausverkauft war und warum sich keiner der Zuschauer trotz schlechten Wetters von dem Besuch abhalten ließ: Fulminant, furios, fantastisch – dieses Spektakel sollte man sich einfach nicht entgehen lassen. Die letzte der drei Vorstellungen beginnt heute um 20 Uhr. Karten gibt es im Ticket-Center des Bürgerhauses in der Fichtestraße, das heute von 10 bis 13 Uhr geöffnet ist (Tel.: 06103/60000). Die Abendkasse vor der Burg ist ab 19 Uhr besetzt.

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