„Das Einmischen liegt mir im Blut“

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Evelin Bohlscheid mit Boxerhündig Leila, die auf einem Flohmarkt verhökert werden sollte, und einem ihrer eigenen Hunde, dem French Bulldog Amelie.

Dreieich ‐ Dezember 2009, kurz vor Weihnachten. Es ist ein Tag, wie er des Öfteren im Leben von Evelin Bohlscheid vorkommt: Die Polizei ruft sie an, weil ein Auto eine Katze in Nähe des alten Sprendlinger Rathauses angefahren hat. Von Klaus Hellweg

Das Tier liegt blutend auf der Straße, Hilfe muss her. Evelin Bohlscheid steigt in ihr Auto, fährt zur Hauptstraße, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Die Katze, daran besteht überhaupt kein Zweifel, muss dringendst zu einem Tierarzt. Vor Schmerzen will sie sich aber nicht anfassen lassen. Bohlscheid weiß, welche Tierärztin an diesem an sich arbeitsfreien Tag zur Stelle ist und die Notversorgung übernimmt: Claudia Bauer in Dreieichenhain.

Evelin Bohlscheid ist Gründerin und Vorsitzende des Dreieicher Tierschutzvereins „Tierhilfe aktiv“ und somit die bekannteste Tierschützerin in der Stadt. Vor fast genau sechs Jahren hat sie den Verein gegründet – als Konsequenz daraus, dass sie mit dem Tierschutzverein Dreieich/Dietzenbach, dessen Vorsitzende sie einmal gewesen ist, nicht mehr zurecht kam. Seit 1992 war Evelin Bohlscheid – zunächst als Schriftführerin – in dem Verein engagiert. 2003 trat sie den Rückzug an. Aber weil eine wie sie nicht so einfach aufgibt, kam es schon ein knappes Jahr später zusammen mit weiteren Tierschützern zur Gründung der „Tierhilfe aktiv“.

Katze musste eingeschläfert werden

An jenem Tag vor Weihnachten fährt die 60-Jährige die schwer verletzte Katze in die Dreieichenhainer Tierarztpraxis, doch außer dem Tier Spritzen gegen die Schmerzen und den Schockzustand zu geben, ist vor Ort nicht viel möglich. Die Katze muss in eine Klinik nach Niederrad. Auch das erledigt Evelin Bohlscheid. Über eine Tätowierung im Ohr sind die Besitzer schnell festgestellt, doch letztlich sind die Verletzungen so schwer, dass die Katze eingeschläfert werden muss. Das traurige Ende eines Einsatzes.

Es gab viele solcher und ähnlicher Einsätze im Laufe der vergangenen 20 Jahre. Trotzdem, so erzählt Bohlscheid, hat sich die Tierschutzarbeit im Laufe der Zeit geändert. Ging es früher fast ausschließlich um Einzelfälle, so hat sich das Gewicht ein wenig dahin verschoben, die Tierhalter in die Lage zu versetzen, ihre Probleme mit Tieren und deren Haltung selber lösen zu können.

Was die konkreten Einzelfälle nicht weniger und nicht weniger wichtig werden lässt: Hier der große Hund in einer viel zu kleinen Hochhauswohnung, dort der irgendwo an der Landstraße ausgesetzte Vierbeiner, für den es eine Pflegestelle zu finden gilt. Hier die Katzen, die tagelang unversorgt in einer Wohnung zurück gelassen werden und vor Durst und Hunger schreien, während dessen ihre Besitzer Urlaub machen; dort ein total ausgemergelter Hund, der in einem Waldstück an der Darmstädter Straße kurz angebunden von wem auch immer ausgesetzt wurde. Hier die kleine Boxerhündin, die auf dem Flohmarkt verhökert werden soll, dort der Schwan, der im Eis festgefroren ist.

89 Welpen in Obhut genommen und vermittelt

Fast immer ist die „Tierhilfe aktiv“ erster Ansprechpartner von Bürgerinnen und Bürgern, aber auch der Polizei. Evelin Bohlscheid erinnert sich noch sehr genau, wie 1989 auf der Autobahn aus dem Kofferraum eines Autos 89 Welpen gerettet wurden, die verhökert werden sollten. „Tierhilfe aktiv“ kümmerte sich um die kleinen Knäuel, versorgte und vermittelte sie.

Spektakulär auch die sich über viele Monate hinziehende Auseinandersetzung mit einem damals in Dreieichenhain lebenden Schäfer Kurt L., seiner letztlich auch vom Gericht festgestellten quälerischen Tierhaltung.

Evelin Bohlscheid, so sagt sie über sich selbst, ist keine Tierschützerin, die von irgendeiner Art von Gefühlsduselei getrieben wird. Schon als Kind habe sie immer ein Tier haben wollen, was aber aus Gründen des beengten Wohnraums ihrer Familie nicht möglich gewesen sei. Sie erinnert sich: „Ich habe dann alles, was in der Umgebung wohnte und vier Beine hatte, ausgeführt.“ Und noch heute erinnert sie sich an die Enttäuschung, die sie überfiel, als ihre Eltern ihr als Ersatz einen Stoffhund schenkten: „Das war entsetzlich.“

Einmischen Grundeinstellung ihres Lebens

Ihre Affinität zu Tieren, so sagt sie, sei Zeit ihres Lebens sehr groß gewesen – ebenso groß wie der Drang, sich einzumischen, wenn es ihrer Meinung nach irgendwo ungerecht zugehe. Etwa wenn auf der Straße eine Mutter ihr Kind schlägt.

Das Einmischen, sagt Evelin Bohlscheid, sei Grundeinstellung ihres Lebens. So war es denn wohl auch kein Zufall, dass sie sich im Elternbeirat von Kita und Schule ebenso engagierte wie im Betriebsrat – und eben auch im Tierschutz.

Und das macht sie nicht ohne Erfolg, nimmt man beispielsweise den Bekanntheitsgrad von „Tierhilfe aktiv“ und vergleicht ihn mit dem anderer Gruppen, die den Tierschutz in ihrer Satzung festgeschrieben haben.

Natürlich kommt es auch darauf an, wie man auf die Leute zugeht. Und natürlich stößt man dabei auch auf Widerspruch.“ Es hat sogar schon die eine oder andere Anzeige gegeben, wenn jemand meinte, die Vereinsvorsitzende sei über das Ziel hinaus geschossen – bisher immer ohne Erfolg.

Das eigene Haus ist immer noch ein Tierasyl

Und auch in der eigenen Familie war das Engagement nicht immer ganz unumstritten. „Früher haben mich meine Töchter hin und wieder schon mal gefragt, ob das denn alles so sein müsse. Aber sie verstehen, was ich mache und dass es mit halben Sachen nicht getan ist. Genau so wenig wie man halb schwanger sein kann, kann man nur halben Tierschutz machen.“

Ein Tierasyl ist Evelin Bohlscheids Haus in Sprendlingen aber noch immer. Früher, als die Töchter noch klein waren, wurde ein Kinderzimmer als vorübergehende Unterkunft für Fundtiere benutzt. Das geht heute nicht mehr, Hunden und Katzen stehen heute Bad und Diele zur Verfügung. Im Augenblick leben im Hause Bohlscheid sechs Vierbeiner, darunter zwei eigene Hunde.

Ein großes Problem stellt die finanzielle Absicherung all der Aktivitäten dar. Benzinkosten für die vielen Einsätze bezahlt Bohlscheid aus eigener Tasche, aber damit ist es nicht getan. Vor allem die Frage, wer für die vielen Fundtiere bezahlt, bereitet Kopfschmerzen. Die müssen gefüttert werden, oft fallen Tierarztkosten an für Impfungen, für die Behandlung von Verletzungen, für das Aufpäppeln.

Der Verein, Bohlscheid und die übrigen aktiven Mitglieder, arbeiten ausschließlich ehrenamtlich, ohne eigene Büroräume, über private Telefonanschlüsse und ohne öffentliche Mittel.

Spendenbereitschaft hat nachgelassen

An Einnahmen verfügt die „Tierhilfe aktiv“ lediglich über die Beiträge der Mitglieder und hin und wieder über eine Vermittlungsspende. Die Zeiten, in denen man sich über Spenden oder gar eine Erbschaft freuen konnte, gehören längst der Vergangenheit an.

Der Langener Tierschutzverein, weiß Evelin Bohlscheid, hat von der Gemeinde einen Zuschuss von 3000 Euro bekommen. Dreieich habe in sechs Jahren gerade einmal 500 Euro locker gemacht. Und wenn Unternehmen wie die Volksbank 30 000 Euro für das Ehrenamt ausschütteten, bekämen immer nur die großen Vereine etwas, bedauert sie. „Uns Kleine und unsere ehrenamtliche Arbeit vergisst und übersieht man. Ich bin mir nicht sicher, ob das immer im Interesse der Bankkunden liegt.“

So sucht „Tierhilfe aktiv“ der Not gehorchend verstärkt nach anderen Wegen, sich zu finanzieren. Bohlscheid: „Wenn das nicht gelingt, gehen wir kaputt.“

Erlös aus Gala kommt "Tierhilfe aktiv" zu Gute

Geplant ist am 20. März im Bürgerhaus-Restaurant „Mosaique“ eine Frühlings-Gala. Restaurant-Chef Moustapha El Ouali hat sie dafür als Verbündeten und Unterstützer gewonnen. Ein Teil des Erlöses dieser Gala mit der Gruppe „Symphony of Voices“ und Gourmet-Verwöhnprogramm kommt der „Tierhilfe aktiv“ zugute. Und wenn es dann auch noch gelingt, für den einen oder anderen Fundhund einen Paten zu finden, der für den Unterhalt aufkommt, wäre schon ein kleines Stück geholfen.

Evelin Bohlscheid nach 20 Jahren Tierschutz: „Manchmal geht es so richtig an die Substanz, denn zu allem kommt ja auch noch die viele administrative Arbeit. Es ist ja nicht so, dass man nur irgendwo hin rennt und rettet.“

Weitermachen wird sie trotzdem, wird helfen, unterstützen und beraten, wo es gewünscht wird und wo sie es als notwendig ansieht: „Wenn es um Probleme geht, kennen die Leute meine Telefonnummer“. Daran wird sich nichts ändern.

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