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„Das ist Geschichte zum Anfassen“

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Sorgfältig reinigen Franziska Boberg und Leonore Weßlau einen Grabstein. © Klemm

Sprendlingen ‐ Eifrig waren gestern Nachmittag Schüler der Ricarda-Huch-Schule auf dem Jüdischen Friedhof in Sprendlingen bei der Sache.  Von Holger Klemm

Sorgfältig reinigten sie Grabsteine von Moosflechten und sorgten mit Bürsten dafür, dass die Inschriften wieder zu lesen sind. Mit der Reinigung übernahm das Gymnasium offiziell die Patenschaft für den Jüdischen Friedhof.

Damit soll zum einen die Geschichte Dreieichs und der Jüdischen Gemeinde den Beteiligten nahe gebracht werden, zum anderen ein Beitrag zum Erhalt der Begräbnisstätte aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts geleistet werden, erklärte die Lehrerin Myriam Andres. Sie war mit 14 Mitgliedern der AG „Mitmach-Geschichte“, vor allem Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse, aber auch einige jüngere, vor Ort.

Mischung aus Spiritus und Wasser

„Es ist die erste Patenschaft einer Schule des Kreises für einen Jüdischen Friedhof“, berichtete Dagmar Kroemer von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises, die den Anstoß gegeben hatte. Sie hofft, dass das Beispiel Schule macht, da die Kommunen zu wenig Geld haben, um die historischen Grabsteine auf Dauer erhalten zu können. Im Vorfeld hatten die Verantwortlichen sich bei einem Institut in Mainz erkundigt, wie die meist aus Sandstein bestehenden Grabsteine schonend gereinigt werden können. „Eine Mischung aus Spiritus und Wasser ist demnach am besten“, so Peter Viehmann vom Friedhofszweckverband, der auch für den Jüdischen Friedhof zuständig ist.

Natürlich können nicht alle Grabsteine, deren älteste bis zu 180 Jahre alt sind, nach diesem Verfahren gereinigt werden, weil sie zu verwittert sind. Sie müssen in absehbarer Zeit restauriert werden.

Patenschaft ist langfristig angelegt

Von dem Einsatz der Schüler zeigte sich Daniel Neumann, Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, beeindruckt. „Das ist Geschichte zum Anfassen.“ Durch solche Patenschaften könnten Kinder und Jugendliche mehr über die jüdische Geschichte erfahren. Neumann wies darauf hin, dass jüdische Friedhöfe Orte für die Ewigkeit sind: „Sie sind Zeichen der Unvergänglichkeit.“ Deshalb dürften auch - anders als auf christlichen Friedhöfen - keine Gräber geräumt werden. Da es keine Angehörigen mehr gebe, leisteten die Jugendlichen einen wichtigen Beitrag zum Erhalt.

„Ich finde es sehr interessant, hier zu sein und mehr über den Friedhof und seine Geschichte zu erfahren“, sagte der 13-jährige Martin Liederbach, der zusammen mit David Schwiers und Dominik Hauser an einem Grabstein arbeitete. Gegenüber hatten Franziska Boberg und Leonore Weßlau ein Team gebildet. Beide gaben zu, es Anfang ein wenig merkwürdig gefunden zu haben, auf dem Friedhof zu sein. Immerhin seien direkt unter ihnen Menschen begraben. Sie finden die Aufgabe aber wichtig.

Hinweise zum sorgsamen Umgang bekamen sie von Arno Baumbusch, Mitglied der „Freunde Sprendlingens“, die sich seit langem für den Jüdischen Friedhof engagieren. „Die Grabsteine haben kein Fundament“, mahnte er zum sorgsamen Umgang. Die Patenschaft ist langfristig angelegt.

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