Vereinssport als Motor der Integration

TVD die Heimat von mehr als 40 Flüchtlingen geworden

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Für die bemerkenswerte Integrationsleistung des Turnvereins hat der Sportkreis Offenbach 2000 Euro locker gemacht, die die Vereinsvertreter direkt in Trainingsanzüge zur Ausstattung der Neuankömmlinge investierten.

Dreieichenhain - Es ist etwas mehr als ein Jahr her, da knüpfte der TV Dreieichenhain (TVD) die ersten Kontakte zu syrischen Flüchtlingen. Inzwischen sind unter dem TVD-Dach mehr als 40 Asylbewerber aus verschiedenen Ländern beitragsfreie Mitglieder. Von Enrico Sauda 

Mit einer Spende des Sportkreises Offenbach hat der Turnverein die Neuankömmlinge nun mit Trainingszügen in den Vereinsfarben ausgestattet. Guido Stroh, Hanni Niebert und Gerhard Liebermann vom TV Dreieichenhain erinnern sich noch gut, wie sie vor mehr als einem Jahr erstmals vor einer Gruppe junger Flüchtlinge standen. Ungeachtet der Sprachschwierigkeiten wurden sie herzlich empfangen. Kazaman Abdullah sprach ganz gut Englisch und so vereinbarten sie, sich am folgenden Abend zu treffen und gemeinsam mit Fahrrädern zum TVD zu fahren. Gerhard Liebermann holte die jungen Männer ab. „Das war wie ein lustiger Schulausflug mit Zwölfjährigen“, erzählt er. Bei den Hobbykickern fühlten sich die Syrer pudelwohl und machten der Gruppe ein unvergessliches Kompliment: „Das war der schönste Tag seit langer Zeit, wir haben zum ersten Mal wieder lachen können.“

Die Syrer besuchten später das Lerncafé der Burgkirchengemeinde und so entstand der Kontakt zu Irmhild Küchler – ebenfalls Mitglied im TVD. Die ersten gemeinsamen „Gehversuche“ erwiesen sich als kompliziert. Häufig bewerteten die Männer Verabredungen nicht so verbindlich wie in Deutschland üblich. „Wir haben mehr als einmal lange gewartet und es kam gar keiner“, erzählt Hanni Niebert. Gespräche in der Unterkunft in der Gleisstraße folgten und beide Seiten lernten viel voneinander. Es entstanden sehr angenehme Kontakte, die sich im Laufe der Zeit auch auf Familien mit Kindern ausweiteten.

Die Kooperation nahm mit Franz und Agnetha Neumann als Vermittler noch mal deutlich zu. Bisheriger Höhepunkt war ein Hobbyfußballer-Spiel auf der vereinseigenen Beachsportanlage, bei dem gemischte Teams gegeneinander spielten.

Auch bei den Donnerstag- Fußballern wurden „Nationalmannschaften“ gegründet. Guido Stroh, selbst aktiver Hobby-Kicker: „Die Teams der Flüchtlinge sind zu uns immer sehr fair und extrem zurückhaltend, aber untereinander geht es schon heftig zur Sache.“ Inzwischen hatte sich der TVD intern organisiert und „Zehn Thesen“ für die Kooperationen mit Flüchtlingen aufgestellt. Eine Leitlinie ist, dass zum Start Angebote eigens für Flüchtlinge aufgestellt werden, später aber die Integration in den normalen Sportbetrieb das Ziel sein muss. So ist beispielsweise am 1. Mai das sonntägliche Spezialangebot Tischtennis eingestellt worden, die Neuankömmlinge werden nun in das normale Trainingsprogramm integriert. Abteilungsleiter Klaus Ressel war selbst wöchentlich dabei und hat mit seinen Kollegen den Trainingsplan auf die neuen Herausforderungen abgestimmt. Allerdings wäre Euphorie fehl am Platz, denn nicht alles läuft rund. Von beiden Seiten waren und sind Geduld und Verständnis füreinander erforderlich. „Viele Gespräche waren nicht nur mit den Flüchtlingen nötig, sondern auch mit den Mitgliedern. Manches lief völlig an den Planungen vorbei und musste erläutert werden“, sagt Liebermann.

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Als Beispiel nennt er eine Info-Veranstaltung im vergangenen Jahr, zu der rund acht Teilnehmer erwartet wurden. Gekommen sind aber ungefähr 40 Interessierte aus sechs Ländern. „Das war wirklich irre, aber es hat sich gelohnt“, sagt Franz Neumann. Denn diese Veranstaltung war der Durchbruch, so dass Flüchtlinge aktuell in den Sparten Boule, Darts, Fußball, Leichtathletik, Tanzen, Tennis, Tischtennis und Turnen/Gymnastik aktiv sind. Um Versicherungsrisiken auszuschließen, sind alle offizielle, beitragsfreie Mitglieder. Sie stammen aus Syrien, Afghanistan, Iran, Albanien und etlichen anderen Ländern. Auch die von der Abschiebung bedrohte Familie Qarri gehört dazu (wir berichteten). Deshalb sei es für den TVD eine Selbstverständlichkeit, für deren Verbleib eine Petition an den Hessischen Landtag zu unterstützen, so Liebermann.

Für die ausgesprochen rege Flüchtlingsarbeit ist der TVD bereits im Dezember von der Stadt ausgezeichnet worden. Inzwischen hat auch der Sportkreis Offenbach die Vorbildfunktion des Turnvereins mit einer zweckgebundenen Spende in Höhe von 2 000 Euro hervorgehoben. Mit dem Geld finanziert der TVD Trainingsanzüge für die Neuankömmlinge. Liebermann: „Mein Team und ich machen diese Flüchtlingsarbeit gerne ehrenamtlich, ohne politisches oder sonstiges Interesse, ganz simpel nur aus unserem Verständnis von Menschlichkeit heraus.“

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