1. Startseite
  2. Region
  3. Dreieich

Elternhaus als Stätte der Erinnerung

Erstellt:

Kommentare

Nicht nur im Wohnzimmer des Hauses im Kurt-Schumacher-Ring 96 scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Überall finden sich alte Möbel und Erinnerungsstücke aus den 60er und 70er Jahren. Dazu zählt auch das Buch „Backen macht Freude“.
Nicht nur im Wohnzimmer des Hauses im Kurt-Schumacher-Ring 96 scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Überall finden sich alte Möbel und Erinnerungsstücke aus den 60er und 70er Jahren. Dazu zählt auch das Buch „Backen macht Freude“. © Schubert (2)/p

Sprendlingen - Anjali Göbel schüttelt den Kopf. „Wenn man einen Neuen kauft, wirft man doch den Alten weg!“ Unzählige Male hat sie das Badezimmer ihrer Eltern bereits betrachtet, und noch immer kann sie es nicht glauben. Von Manuel Schubert

Neben der Badewanne, im Stil der 70er türkis gefliest, stehen gleich drei Hocker. Der Erste ist mit weißem Leder bezogen und sieht noch in Ordnung aus. Der Zweite hat seine besten Tage schon hinter sich: Der rote Bezug ist völlig zerschlissen. Und der Dritte, ebenfalls rot und komplett aus Holz, ist fast überall zerkratzt.  Drei Hocker-Generationen gibt es im Kurt-Schumacher-Ring 96 zu begutachten, und dazu vieles, vieles mehr. Anjali Göbel, 55 Jahre alt, hauptberufliche Künstlerin, erbte das Haus, als ihre Mutter im Dezember des vergangenen Jahres starb. Mit ihrer Schwester, ebenfalls Erbin, einigte sich Göbel, dass sie sich um das Ausräumen des Hauses kümmern würde. Dieser Prozess, so Göbel, sei „ein solches Abenteuer“ gewesen. Schnell habe sie sich gefragt: „Wozu bin ich eigentlich Künstlerin?“, und sich dann entschieden, das Haus zu einem gigantischen Kunstobjekt zu machen. Ab Freitag, 26. September, wird Göbels Elternhaus an vier Wochenenden offen stehen.

Anjali Göbel mit der „Plastiktüten-Installation“.
Anjali Göbel mit der „Plastiktüten-Installation“. © Schubert (2)/p

Mehr als 300 Gegenstände hat Göbel bei Ebay verkauft, dazu zahlreiche Dinge weggeworfen. Doch die interessanten Sachen hat sie aufgehoben. Die Arbeit am Haus helfe ihr, sagt Göbel, den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. Die letzten drei Jahre ihres Lebens seien nicht sehr schön gewesen. „Das Haus wird geklärt und gereinigt“, erzählt Göbel. „Die Teppichböden werden shampooniert, die Wände gestrichen“, zählt sie auf. Diese „langsame Transformation“ tue ihr gut. 25 Jahre lang lebte Anjali Göbels Mutter allein, da ihr Vater früh starb. „Dadurch wurde am Haus wenig gemacht“, berichtet sie. Die Nachbarn widmeten sich nach dem Ruhestand noch einmal intensiv der Renovierung des eigenen Hauses. Doch Göbels Mutter beließ alles, so wie es war. Somit kann man heute im Kurt-Schumacher-Ring auf eine Zeitreise in die 60er und 70er Jahre gehen. Das Wohnzimmer mit den klassisch-khakifarbenen Polstern, der Wasch-, der Party- oder der Hobbykeller: Sie alle fallen völlig aus der Zeit.

Gegenstände die heute kaum noch bekannt sind

Dazu gibt es haufenweise Gegenstände zu begutachten, die man heute kaum noch vor die Augen bekommt. In der Küche liegt ein Früchteschneider, ein Messer mit sechs Klingen, das mit einer Bewegung einen Apfel zerlegen kann. Daneben stapeln sich Milchpulverlöffel und Teile von insgesamt sieben verschiedenen Teeservicen. Im Keller hat Göbel einen „HiFi-Turm“ errichtet. Von der Brauntruhe, über das Röhrenradio bis hin zum Ghettoblaster hat sie alle Musikgeräte gestapelt, die sie auftreiben konnte. Nebenan wurde früher gewaschen. Hier steht noch ein Waschkessel, quasi eine Waschmaschine ohne Strom, die mit Briketts beheizt wurde. Danach ging es für die Wäsche in die Schleuder. Sogar die Holzzange, mit der man die heiße Wäsche anfassen konnte, ist noch da.

Im Treppenhaus nach oben hat Göbel eine „Plastiktüten-Installation“ errichtet. Die gesamte Wand ist mit Verpackungen gekleistert, von Condor über Hertie bis Tchibo. Etwas Ähliches habe sie mit Gebrauchsanweisungen vor, so die Künstlerin, die gebe es ebenfalls en masse. Schnell wird klar: Göbels Eltern haben ungern etwas weggeworfen. Diese „Stimmung der Nachkriegszeit“ sei für sie beim Stöbern gut spürbar gewesen und habe sie selbst schnell ergriffen, so die Sprendlingerin. „Plötzlich konnte ich mich auch viel schlechter von Sachen trennen.“ Nun, in der Endphase der Vorbereitungen, merke sie, dass das Projekt einen eigenen Charakter entwickle. „Es ist viel weniger Kunst, als ich dachte“, sagt Göbel. „Eher eine Doku, fast wie ein Museum.“ Passend dazu, hat Göbel für die vier Wochen ein umfangreiches Programm geplant. Vor allem Vorträge seien ihr wichtig gewesen, so die Gastgeberin, um den Besuchern Informationen über die damalige Zeit bereitstellen zu können. Sprechen werden unter anderem eine Kulturanthropologin, ein Kunsthistoriker oder ein Stadtplaner, der über den Siedlungsbau in den 50ern berichtet.

Die zehn beliebtesten Museen in Deutschland

Ach ja, eine Bitte habe sie da noch, fällt Göbel plötzlich ein. Am Sonntag, 12. Oktober, steht der „Kaffeklatsch mit Kultkuchen“ auf dem Programm. Zu Gast sind einige Damen vom Frankfurter Kranz, einer Plattform für Kulturschaffende Frauen. Und da darf der gleichnamige Kuchen natürlich nicht fehlen. Deswegen sucht Anjali Göbel für diesen Nachmittag noch nach Spenden in gebackener Form. Denn der Frankfurter Kranz, das weiß Göbel, das war der Paradekuchen ihrer Mutter.

Auch interessant

Kommentare