Erasmus-Alberus-Gemeinde kann sich auf Kirchturm-Statik nicht verlassen

Glockengeläut auf Sparflamme

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Schwingen alle drei Glocken mit ihren insgesamt zwei Tonnen, dann gerät der ganze Kirchturm in Bewegung. Das Geläut deshalb zum Schweigen zu bringen, kann in den Augen von Pfarrer Winfried Gerlitz, Wilhelm Metz und Wolfgang Deißler (von links) aber auch keine Lösung sein.  

Sprendlingen - Schon zwei Jahre ist es inzwischen her, seit die Sprendlinger zum letzten Mal das wohlklingende Geläut der Glocken ihrer Erasmus-Alberus-Kirche gehört haben. Von Sina Gebhardt

Denn seit März 2014 läuft das Glockenspiel am Lindenplatz auf Sparflamme, Pfarrer Winfried Gerlitz wagt nur die kleinste der drei Glocken zu läuten – aus Sicherheitsgründen. Die Erasmus-Alberus-Kirche ist sozusagen unfreiwillig kleinlaut: Der Läutemechanismus löst sichtbare Schwingungen aus, die den Kirchturm so erheblich in Bewegung setzen, dass es bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Höchste Zeit, etwas zu ändern, aber das ist bei den langsam mahlenden Verwaltungsmühlen leichter gesagt als getan. Wohlgesonnen ist das Wetter, als das Dreieicher Kerbteam mit Oliver Bohrer, Hermann Beck und Peter Held den Spendenscheck zur Restaurierung des Kirchturms in Höhe von 750 Euro an Pfarrer Gerlitz und Kirchenvorstandsmitglied Wilhelm Metz überreicht. Es mag wie ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein wirken, doch jede Spende bringt die Erasmus-Alberus-Gemeinde ihrem Ziel näher, das Glockenspiel im Kirchturm wieder zum Klingen zu bringen. „Wir wurden schon mehrfach darauf angesprochen, weil die Menschen im Umfeld das Glockengeläut vermissen. Es gehört einfach zu Sprendlingen dazu“, berichtet Metz. Und Gerlitz ergänzt wehmütig: „Wir erlauben uns zwar, die kleinste Glocke zu läuten, aber ohne das ganze Spiel ist es schon sehr traurig – gerade bei Hochzeiten oder Konfirmationen.“

Gut zwei Tonnen wiegen die drei unterschiedlich großen Stahlglocken mitsamt dem Ton angebenden Klöppel, weiß Wolfgang Deißler, der derzeit die Kirchenchronik in die heutige Schrift überträgt. Dass sich der Turm beim Geläut bewegt, war schon vorher zu beobachten gewesen. Deshalb sei bereits 2008 der Plan gefasst worden, durch einen neuen Läutemechanismus die Schwankungen im Turm zu minimieren, informiert Gerlitz, doch das Vorhaben sei an der Kirchenverwaltung gescheitert: „So lange noch kein Schaden entstanden ist und es noch irgendwie läuft, wird leider nicht gehandelt.“ Zwar wurden vorher bereits Verstärkungen im Kirchturm angebracht und dieser in regelmäßigen Abständen von einem Statiker geprüft, doch eben der habe auch bestätigt, dass ein Risiko besteht.

Freilich ist es eine Kostenfrage, doch während ein neuer Läutemechanismus mit rund 16.000 Euro hätte finanziert werden können, stehen nun – nicht zuletzt wegen der umfangreichen Ursachenforschung – voraussichtlich Kosten von insgesamt bis zu 100 000 Euro an, schätzt Metz. Davon würde die Kirchenverwaltung zwar den Löwenanteil zahlen, doch auch der Eigenanteil der Gemeinde könnte sich leicht auf 30.000 Euro belaufen – immer vorausgesetzt, dass der Ursprung für die Schwankungen schnell gefunden wird. Und schnell ist hierbei natürlich relativ: „Wir haben keine Entscheidungsgewalt und für jeden Vorgang muss in der Kirchenverwaltung erst ein neuer Beschluss gefasst werden“, so Metz.

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Ein Glockensachverständiger war inzwischen vor Ort, doch nun muss nächste Woche zunächst die Glaswolle im Dach der 300 Jahre alten Kirche entfernt werden, damit die Suche weitergehen kann. Möglicherweise liegt der Fehler im Gebälk, aber „eine Prognose aufzustellen wäre rein spekulativ“, sagt Metz. Traurig, aber berechtigt ist die Annahme, dass dieses Problem hätte vermieden werden können, wäre schon 2008 gehandelt worden.

Wie lange die Glocken der Kirche noch schweigen müssen, ist demnach mehr als ungewiss. Auch wenn Gerlitz es zu Recht für utopisch hält, wünscht sich Metz wie viele andere, dass zu Weihnachten wieder das Glockenspiel erklingt. Das wäre dann wirklich ein Wunder, das sicherlich treffend besungen werden könnte: Süßer die Glocken nie klingen.

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