Ferdinand von Schirachs „Terror“

Zuschauer in der Rolle von Geschworenen

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Am Ende entscheidet nicht der Richter, sondern das Publikum. Es erklärt Luftwaffen-Major Lars Koch (Zweiter von links, gespielt von Christian Meyer) mehrheitlich für nicht schuldig.

Dreieich - Dürfen wenige Unschuldige geopfert werden, wenn dadurch viele Menschenleben gerettet würden? Rechtlich gesehen ist die Antwort eindeutig: Nein. Von Sina Gebhardt 

Aber dahinter verbirgt sich ein moralisches Dilemma, das Bestsellerautor Ferdinand von Schirach ins Zentrum seines ersten Theaterstücks stellt: In „Terror“ obliegt es dem Publikum, diese schwere Entscheidung zu treffen und damit den Ausgang des Stücks zu bestimmen. Als „Schöffen“ wohnen die Zuschauer im Sprendlinger Bürgerhaus der Gerichtsverhandlung von Lars Koch (Christian Meyer) bei, Major der Luftwaffe, der entgegen seiner Befehle ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug abschoss, das in ein Fußballstadion mit Zehntausenden Besuchern zu stürzen drohte. Koch gesteht die Tat, an der Rechtswidrigkeit seiner Handlung besteht kein Zweifel – aber auch an seiner Schuld? „Durfte der Angeklagte gegen die Bindungen der Verfassung verstoßen?“, stellt der Vorsitzende (Johannes Brandrup) die Frage, mit deren Antwort das Publikum über das Schicksal Kochs entscheidet.

Mit pseudorealistischen TV-Gerichtsshows hat das Stück zum Glück wenig gemein: Von dramatischen Gefühlsausbrüchen sieht von Schirach bei seinem Stück weitestgehend ab und setzt stattdessen auf bürokratische Nüchternheit – soweit möglich: Es geht schließlich um 164 Menschenleben, die Major Koch auf dem Gewissen hat. Oder geht es um die 70.000 Stadionbesucher, denen er damit das Leben rettete? Dem Zuschauer wird der Fall ausführlich dargelegt, in Person von Oberstleutnant Lauterbach (Peter Donath), der, umringt von den im Halbrund sitzenden Parteien, für den Zuschauer links Verteidiger (Christoph Schlemmer), rechts Staatsanwältin (Annett Kruschke), am Zeugentisch im Zentrum der Bühne Platz nimmt.

Fachtermini und präzise Zeitangaben werden in den Raum geworfen, nur um zu verdeutlichen, dass es keine Handlungsalternativen für Koch gab, er aber tatsächlich auf eigene Faust gehandelt hat – und möglicherweise Spielball der Befehlshaber war, die sich insgeheim darauf verließen, dass er das Flugzeug abschießen würde. Diese Mutmaßungen ändern an den relevanten Fakten genauso wenig wie die Aussage der Nebenklägerin Meiser (Tina Rottensteiner), deren Mann an Bord der Maschine war. Hier springt einem mit geradezu lächerlicher Offensichtlichkeit die Intention des Autors ins Auge, die emotionale Seite der Zuschauer anzusprechen.

Höhepunkt des Schauspiels und einflussnehmend ist jedoch der Schlagabtausch zwischen Angeklagtem und Staatsanwältin, die bis dato gelangweilt Löcher in die Luft gestarrt hat. Dabei wird deutlich, dass der Major zu seiner Entscheidung steht: Er habe geschossen, weil er „es für richtig gehalten habe“, weil „die Zivilisten zum Teil einer Waffe geworden“ sind und nur noch wenige Augenblicke zu leben gehabt hätten. Überhaupt sei das Gesetz, man dürfe niemals ein Leben gegen ein anderes aufwiegen, seiner Meinung nach falsch, weil damit im Kampf gegen Terrorismus die Hände gebunden würden.

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Diese Argumente hallen offensichtlich nach, ebenso wie die zwar aufschlussreichen, aber langatmigen Schlussplädoyers. Es ist nun eine Frage der Menschlichkeit – je nachdem, wie man diese auslegt: Hat Koch mit seiner Tat die Würde des Menschen untergraben, weil er 164 Unschuldige zum Objekt gemacht hat? Oder hat er gerade deshalb menschlich gehandelt, weil er Zehntausende rettete? In der Pause kurz vor Schluss wird überall diskutiert, dann entscheiden die Besucher, ob sie durch den mit „Schuldig“ oder „Unschuldig“ gekennzeichneten Durchgang zurück in den Saal gehen.

Die Zählung bringt ein eindeutiges Ergebnis und damit auch Urteil: Koch wird mit 237 gegen 105 Stimmen für nicht schuldig befunden. Beifall aus dem Publikum, Verhandlung abgeschlossen, die Spannung löst sich. „Terror“ kommt mit einer packenden und aktuellen Thematik daher, die aufgrund des realistisch rekonstruierten Rahmens einer Gerichtsverhandlung allerdings Durststrecken überstehen muss. Dass die Zuschauer involviert sind, ist der Clou an dem Stück und ein strategisch gelungener Schachzug, denn so fesselt das Schauspiel bis zum Ende.

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