Träger des Dieter-Hildebrandt-Preises 2016

Kabarettist Claus von Wagner: Mit Flip-Flops in die Alpen

Dreieich - Claus von Wagner hat da so eine Theorie: „Es gibt zwei Welten: Unsere und die Finanzwelt.“ Von Sina Gebhardt 

Letztere zu verstehen scheint ein Ding der Unmöglichkeit, denn wer steigt bei dem vorsätzlich unverständlichen Wirtschaftsjargon überhaupt durch? Der Träger des Dieter-Hildebrandt-Preises 2016 ist als Übersetzer zur Stelle und legt am Freitag im Bürgerhaus seine „Theorie der feinen Menschen“ zahlreichen Wissbegierigen dar.

Es ist schon eine Kunst, ein für viele so staubtrockenes Thema kurzweilig, humoristisch und hochintelligent aufzubereiten. Der Begriff Kleinkünstler wird dem Münchner Sympathieträger demnach eigentlich nicht gerecht, der durch die vollbesetzten Zuschauerränge schlendert und das Publikum mit nur wenigen kritischen Sätzen auf seine Seite zieht. Von Wagner wundert sich über dies und das, zum Beispiel, warum eigentlich alle über den Brexit erstaunt sind: „Als würde die EU nicht jeden Tag einen Grund liefern, sich von ihr abgrenzen zu wollen.“ Oder warum er als Kabarettist immer nur gefragt werde, wie weit Satire gehen dürfe: „Wenn man die EU fragt: bis an die Grenzen“, ist seine naheliegende Antwort.

Dann verabschiedet sich der in „Oberbayern aufgewachsen gewordene“ von Wagner und schlüpft in die Rolle des 38-jährigen Claus Neumann, der in einer Filiale der Deutschen Bank im Tresorraum eingeschlossen wurde, weil er kurz vor Geschäftsschluss kam („Versuchen Sie mal, bei einer Bank nicht kurz vor Geschäftsschluss zu kommen!“). Allein gelassen mit den Unterlagen seines kürzlich verstorbenen Vaters, seinerzeit ein Wirtschaftsprüfer, hat Neumann viel Zeit, um seine Gedanken schweifen zu lassen: „Für wie blöd hält man Menschen?“, fragt er sich, wenn auf einer Wasserflasche der Hinweis abgedruckt ist, dass diese für Veganer geeignet sei. Oder er philosophiert darüber, dass „Macht ausüben am besten funktioniert, wenn der, auf den Macht ausgeübt wird, gar nicht merkt, dass Macht auf ihn ausgeübt wird.“

Bilder: 1. Dreieicher Rock’n‘Roll Days

Abschalten und zurücklehnen ist bei von Wagner weder möglich noch ratsam: Schlag auf Schlag hallen die brillanten Pointen im fiktiven Tresorraum nach und fesseln die geistreichen Exkurse in den untrennbar verbundenen Finanz-, Wirtschafts- und Polit-Kosmos. So macht sich der Meistersatiriker nicht nur vor Ironie strotzend darüber lustig, dass Finanzderivate eigentlich mit dem Aufdruck „kann Spuren von Geld enthalten“ versehen sein müssten, sondern hält eine feurige Rede zur Flüchtlingskrise, bei der wir sehenden Auges ins Unglück rannten – und hinterher jammern. „Das ist als wenn man mit den Flip-Flops in die Alpen wandert und sich hinterher beschwert, dass der Rettungshubschrauber zu teuer war.“

Mitdenken statt mitlaufen ist die Devise bei von Wagners „Theorie der feinen Menschen“, die den Zuhörer fordert – allerdings auf höchst amüsante Art und Weise. Mit einem unerschöpflichen Repertoire an grandiosen, gehaltvollen Vergleichen, humorvollen Hintersinnigkeiten und zynischen Erkenntnissen lässt der Kabarettist die Zeit wie im Flug vergehen. Gut zweieinhalb Stunden spielt von Wagner sein fulminantes Programm – bei dem man keine Minute bereut.

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