Großglockner bestiegen

Ein Haaner auf dem Dach Österreichs

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Flagge gezeigt: In 3370 Metern Höhe hisste der Kerbborsch von 1997 mal kurz die Haaner Fahne. Im Hintergrund ist der Gipfel zu sehen, auf dem am Dienstagmittag ordentlich „Verkehr“ war.

Dreieichenhain -  Man kann das Glücksgefühl wohl nicht ermessen, wenn man nicht selbst oben gestanden hat. Marco Keim hat sich die Welt aus einer Höhe von 3 798 Metern angeschaut – so hoch ist der Großglockner. Von Frank Mahn 

Am Dienstagmittag erreichte der Dreieichenhainer völlig abgekämpft, aber unendlich zufrieden den höchsten Berg Österreichs. Es war ein strapaziöses Unterfangen, das Keim sich vorgenommen hatte. Der Haaner, der in der Finanzbranche seine Brötchen verdient, ist zwar kein unsportlicher Typ. Der 36-Jährige spielt in der Fußball-Soma des TV Dreieichenhain und wandert gerne. Aber der Großglockner ist ein ganz anderes Kaliber. Doch in Begleitung eines Bergführers erfüllte sich Keim seinen Traum, quälte sich trotz blutender Füße auf den Gipfel und erreichte, wie er sagt, die äußerste Grenze seiner Belastbarkeit. Warum ausgerechnet der Großglockner? „Ich war vor zwei Jahren mit meiner Frau Petra auf der Zugspitze. Nach dem höchsten Berg Deutschlands bot sich der höchste Berg Österreichs an“, erzählt Marco Keim, der sich gemeinsam mit seiner Frau noch in der Alpenrepublik von der Tortur erholt. Beine und Füße schmerzen immer noch. „Autofahren kann ich momentan nicht“, berichtet der Gipfelstürmer, der bei den TVD-Kickern eher fürs Verteidigen zuständig ist.

Der rote Pfeil in der Mitte unten markiert den Ausgangspunkt. Über die Zwischenstation Stüdlhütte bestieg Marco Keim „seine Majestät“, den Großglockner.

Bei der Tour auf die Zugspitze auf den Geschmack gekommen, war Keim vergangenes Jahr in den Dolomiten unterwegs. Da konnte er zwar auch Häkchen an ein paar „ordentliche“ Gipfel machen, aber zwischen Bergwandern und Bergsteigen ist ein himmelweiter Unterschied. Von daher war die Tour auf den Großglockner, dem Herzstück des Nationalparks Hohe Tauern, eine mit vielen Unbekannten. Vorbereitung ist natürlich das A und O. Und da hatte sich der Dreieichenhainer einen akribisch ausgearbeiteten Plan zurechtgelegt. So war Alkohol über Monate tabu. In Ermangelung von großen Bergen in unserer Region fuhr Keim zweimal wöchentlich nach Frankfurt, genauer gesagt zum Goetheturm, bepackte seinen Wanderrucksack mit 16 Kilo Gepäck und stapfte (mit Daunenjacke!) die 196 Stufen hoch und runter. Auf dem Höhepunkt der Vorbereitung gelang ihm das achtmal am Stück. Zudem absolvierte er mehrfach in der Woche ein Kraft- und Konditionstraining im Keller eines Box-Freundes. Vom Aufstieg schaute sich der Haaner Youtube-Videos an und natürlich las er sich in die Materie ein.

Doch würde das alles reichen? Es hat gereicht, wenn auch unter größten Anstrengungen. Nach einer mehrtägigen Akklimatisierungsphase begann am Montag das Abenteuer – mit einer Autofahrt auf einen 1 900 Meter hoch gelegenen Parkplatz. Von dort stieg Keim zur Stüdlhütte auf, die auf 2 800 Metern liegt. Dort traf der Haaner den „Egon“, seinen Bergführer aus dem Dorf. Am nächsten Morgen um 5.30 Uhr brachen sie auf Richtung Gipfel – Tiefschnee und vereiste Felspassagen inklusive. Die letzten zwei Stunden ging Keim auf dem Zahnfleisch und teilweise auf allen Vieren. „Leider war das Gipfelkreuz vereist, aber der Bergführer hat mit seiner Unterschrift bestätigt, dass ich oben war“, schildert Marco Keim. „Weil’s zudem sehr windig war und ich am Ende meiner mentalen als auch körperlichen Kräfte war, hat der Bergführer ein Foto von mir an einem Vorsprung in 3 770 Metern geschossen, an dem ich die Möglichkeit nutzte, mich an einen Stahlpfahl anzuseilen und als pflichtbewusster Haaner Kerbborsch 1997 die Flagge zu hissen“, berichtet der 36-Jährige.

Triumph am Gipfel: Zu Fuß auf die Zugspitze

Auch der Abstieg hatte es in sich. „Der Erfolg war teuer erkauft, da ich durch die Höhensonne einen leichten Sonnenstich erlitten hatte und mehrfach im Tiefschnee umgekippt bin.“ Die zweitägige Tour habe ihn an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit gebracht, bilanziert Keim. Der Haaner ist stolz wie Bolle, dass er den inneren Schweinehund besiegt hat. Neben der Besteigung erwanderte er innerhalb von zehn Tagen sieben über 2 000 Meter hoch gelegene Hütten – was der Tourismusverband Tirol mit der Bergsteigernadel in Gold honorierte. Die kleine Trophäe ist für Marco Keim von unschätzbarem Wert.

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