Das Leben in Angst geht weiter

Landtag lehnt Petition zu Bleiberecht ab

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Gisela Schäfer (links), Pfarrerin Barbara Schindler und Renate Adler (rechts). Auf dem Bild nehmen sie Sonila und Gezim Qarri mit ihren Kindern Jolanda, Deivis und Filip in die Mitte.

Dreieich - Das Leben in Ungewissheit geht weiter. Nachdem der Asylantrag der albanischen Familie Qarri abgelehnt worden war, ist die vom Flüchtlingsnetzwerk Dreieich gestellte Petition ebenfalls erfolglos geblieben. Die Hoffnungen ruhen nun auf der Härtefallkommission. Von Frank Mahn 

Unbeeindruckt dessen, was um ihn herum geschieht, beschäftigt sich Deivis mit seinen Modellautos. Wie Kinder halt so spielen. Doch der Vierjährige ist kein gewöhnliches Kind. Der Sohn von Sonila und Gezim Qarri ist Autist. Damit der Junge eine gute medizinische Behandlung bekommen kann, haben seine Eltern Ende 2014 ihre Heimat verlassen. In Albanien würde er vermutlich mit Medikamenten ruhig gestellt – ohne jegliche Perspektive. Sonila und Gezim Qarri sind in Dreieichenhain heimisch geworden. Und ihre Kinder auch. Deivis geht halbtags in den Kindergarten, dabei steht ihm eine Inklusionshelferin zur Seite. Filip (13) besucht das Gymnasium, Jolanda (10) glänzt in der Grundschule mit guten Leistungen. Die beiden sind in Vereinen aktiv, haben Freunde gefunden. Filip und Jolanda sprechen sehr gut Deutsch, dolmetschen für ihre Eltern. Die bemühen sich, die Sprache zu lernen, auf Integrationskurse haben sie keinen Anspruch. Der kleine Deivis hat vor Kurzem zum ersten Mal in seinem Leben ein paar Wörter gesprochen. Die Kita tut ihm gut.

„Mehr Integration geht eigentlich nicht“, sagt Barbara Schindler, Pfarrerin der Burgkirchengemeinde. Zumal die Eltern sofort arbeiten und die Familie ernähren könnten. Stellenangebote liegen vor, aber ohne Arbeitserlaubnis ist nichts zu machen. Stattdessen leben die Qarris in der Angst, abgeschoben zu werden. „Wenn sie zurück nach Albanien müssen, sind sie dort fremd“, sagt Renate Adler vom Flüchtlingsnetzwerk.

Genau das will ein großer Kreis von Unterstützern um Gisela Schäfer und Renate Adler verhindern. Auch Dekan Reinhard Zincke hat an die Härtefallkommission geschrieben. „Eine Rückführung nach Albanien würde eine menschliche Katastrophe bedeuten“, warnt Zincke. „Wenn das nicht abgewendet wird, fange ich an, an der Menschlichkeit unserer Gesellschaft zu zweifeln“, sagt der Dekan gestern in einer Pressekonferenz des Flüchtlingsnetzwerks. Auch Sonila und Gezim Qarri sind dabei. Immer wieder kommen der Mutter Tränen, die Situation setzt ihr und ihrem Mann sichtlich zu.

Mehr als 6000 Flüchtlinge in Heimat zurückgekehrt

Ziel der Unterstützer ist es, ein Bleiberecht für die Familie zu erwirken, natürlich möglichst ein dauerhaftes. Den Härtefallantrag hat Schäfer mit einigen anderen persönlich nach Wiesbaden gebracht, um ja keine Frist zu versäumen – und eine etwaige Abschiebung durch die Ausländerbehörde zu verhindern. Nach Auffassung des Petitionsausschusses steht der Familie nach der Ablehnung des Asylantrags „ein weiteres hiervon unabhängiges Aufenthaltsrecht im Bundesgebiet grundsätzlich nicht mehr zu“. Die Qarris würden weder politisch verfolgt, noch drohten „sonstige Gefahren für „Leib, Leben oder Freiheit“.

Die Unterstützer sehen das anders, führen humanitäre Gründe ins Feld. Deivis könne hier mit einer Therapie geholfen werden, ein lebenswertes Leben zu führen. Im Gegensatz zum Petitionsausschuss besteht die Härtefallkommission nicht nur aus Politikern. Ihr gehören unter anderem Vertreter von Sportverbänden, Amnesty International, Kirchen und Landesärztekammer an. Nach Prüfung des Antrags spricht das behördenunabhängige Gremium eine Empfehlung ans hessische Innenministerium aus. Bis zum Abschluss dieses Verfahrens hat die Ausländerbehörde den Qarris eine Duldung erteilt.

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