Eine Bank, zwei Fluchtbewegungen

Integrationsklasse der Max-Eyth-Schule kreiert Sitzgelegenheit

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Auf der Vorderseite der Bank haben sich die Schüler der Integrationsklasse und Lehrer David Distelmann dem Hugenotten- und Waldenserpfad mit dem Logo des gleichnamigen Vereins gewidmet. Auf der Hinterseite erstreckt sich eine Karte aktueller Fluchtgebiete. 

Dreieich - Wenn Schüler eine Bank bauen, dann ist das noch nichts Außergewöhnliches. Wenn aber jugendliche Flüchtlinge mit der Gestaltung einer Sitzgelegenheit ihre eigene Geschichte und die der Hugenotten vor 300 Jahren veranschaulichen, dann ist das der Rede wert. Mit diesem Projekt ihrer Integrationsklasse bewirbt sich die Max-Eyth-Schule nun sogar für den Deutschen Lehrerpreis.

Seit einiger Zeit widmet sich ein Lehrerteam der Max-Eyth-Schule dem Themenkomplex „Flucht – damals und heute“. Von dem daraus resultierenden Unterricht profitieren nicht nur Jugendliche der verschiedenen Schulzweige, sondern auch Schüler einer InteA Flüchtlingsklasse, die an der Max-Eyth-Schule im berufsvorbereitendem Unterricht (Holztechnik) ein ganz besonders Projekt geplant und nun umgesetzt hat: den Bau einer Parkbank mit Bezug zur eigenen Flucht und der Flucht und Vertreibung der Hugenotten und Waldenser vor gut 300 Jahren. Die Klasse setzt sich zusammen aus unbegleiteten Jugendlichen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Kosovo, Mali, Guinea, Äthiopien, Griechenland und dem Irak. Ihre Flüchtlingsunterkunft liegt in Neu-Isenburg – insofern lernten sie im Zuge des Projekts auch viel über die Hugenottenstadt, in der sie nun zu Hause sind. Zu deren Entstehungsgeschichte gehört schließlich die Flucht und Vertreibung der Hugenotten vor circa 300 Jahren aus Frankreich.

Begonnen hat alles, als der Marburger Verein Hugenotten- und Waldenserpfad eine Anfrage an die Innovative Produktionsschule (IPS) der Max-Eyth-Schule richtete, ob es möglich sei, eine Parkbank für sein Sommerfest in Neu-Isenburg herzustellen. Das mit dem dem Emblem des Vereins versehene Stück sollte dann bei einer Auktion beim Fest versteigert werden, so die Ursprungsidee. Bei einem Treffen mit dem Vereinsvorstand in der Max-Eyth-Schule entstand dann die Idee, die Bank von einer Integrationsklasse gestalten und anfertigen zu lassen, „da diese Schüler ja ebenfalls unmittelbar vom Thema Flucht betroffen sind und auch in Neu-Isenburg wohnen“, schildert Lehrer und Projektleiter David Distelmann. Das Ergebnis wird nun beim Vereinsfest am 24. Juli im Rahmen einer Ausstellung präsentiert und abschließend für einen wohltätigen Zweck versteigert.

Die Bank ist ein großes Gemeinschaftswerk: Der Metallrohling wurde von Schülern der IPS im Rahmen des Metallverarbeitungs-Unterrichts gefertigt und dem Projektteam zur weiteren Fertigstellung und Gestaltung zur Verfügung gestellt. Die Mädchen und Jungen der Integrationsklasse arbeiteten im Deutsch- und Landeskundeunterricht an dem Thema Flucht der Hugenotten aus Frankreich vor 300 Jahren und lernten dabei sowohl geschichtliche als auch geografische Aspekte kennen. Ferner präsentierten Elftklässler des Beruflichen Gymnasiums Referate vor der Flüchtlingsklasse, die sie im Ethikunterricht zum Thema „Die Hugenotten – Flucht und Vertreibung“ erarbeitet hatten. Im gelenkten Unterrichtsdialog tauschten sie sich anschließend untereinander aus. All diese Ideen und Eindrücke verarbeiteten die Projektteilnehmer dann in der Gestaltung ihrer Parkbank.

„Im Zusammenhang mit den Flüchtlingen, die unser Land aufgenommen hat, hört man leider ständig das Wort ,Krise‘ in den Medien“, sagt David Distelmann. Diesen Sprachgebrauch halte er für sehr problematisch. „Vielmehr sollten wir die Aufnahme der Flüchtling als Aufgabe und Herausforderung sehen, die es zu meistern gilt. Daher bin ich froh, durch dieses außenwirksamen Projekt zeigen zu können, was für ein Potenzial in diesen jungen Menschen steckt und welche Chance für unser Land darin besteht, diese zum Großteil hochmotivierten jungen Menschen in unsere Gesellschaft einzubinden.“

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Der größte Gewinn für die Schüler dieser InteA Klasse liegt aus Sicht ihres Projektleiters darin, dass sie neben dem Spracherwerb vor allem die Möglichkeit haben, den Unterricht aktiv mitzugestalten und eigene Ideen einzubringen. „Darüber hinaus sehen und erfahren sie neben der Berichterstattung mit brennenden Flüchtlingsheimen und pöbelnden Horden, dass sie hier in unserem Land willkommen sind und sich in die Gesellschaft integrieren können“, findet Distelmann klare Worte. Die Klasse lerne Menschen kennen, die vielleicht selbst ihre Heimat verlassen mussten oder deren Familien vor 300 Jahren nach Deutschland eingewandert sind. „Und sie erfahren Wertschätzung, was das Selbstbewusstsein und die Ich-Identität stärkt. Besonders junge Menschen aus anderen Kulturen brauchen bei der Integration Erfolgserlebnisse in der Mitte der Gesellschaft, um sich nicht isoliert zu fühlen“, betont der Lehrer. Sein Team hat das Projekt nun auch beim Wettbewerb „Deutscher Lehrerpreis – Unterricht innovativ“ in der Kategorie „Innovative Unterrichtskonzepte“ eingereicht. „Unabhängig vom Ausgang des Wettbewerbs ist das Projekt mit Sicherheit ein großer Beitrag für gegenseitiges Verständnis und die Integration von Flüchtlingen in der Region“, bekräftigt Distelmann.

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