Ein Teufel mit Rücklicht

„Michael Kohlhaas“ in Dreieich als Trash-Show

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Halleluja! Flacher Humor und trashiges Bühnenbild gab’s bei „Michael Kohlhaas“ in der Burg Hayn zu sehen.

Dreieich - Was ist das nun? Eine Parodie auf die Marotten des Freien Theaters der Nach-68er-Jahre? Eine Schauspielgruppe trifft sich in ihrem Probenraum und verwickelt sich in eine belanglos-alberne Kabbelei, einer schlägt den Kohlhaas vor, sie beginnen den Text aus dem Reclamheft heraus zu lesen. Von Stefan Michalzik

Die Sache mit dem Reclamheft hat schon Fassbinder mit seinem Antitheater so gemacht und aberwieviele Regisseure in seiner Folge. Doch das ficht das Kölner n.n. Theater, das mit seiner freien Bearbeitung von Kleists Novelle bei den Burgfestspielen in Dreieichenhain gastiert hat, nicht an. Die Inszenierung von George Isherwood und Ute Kossmann ist nachgerade parodiehaft arttypisch für die Aufbruchszeit des Freien Theaters – sie meinen das jedoch in aller Pausbäckigkeit ernst.

Da ist von einem Putschversuch die Rede und von „Säuberungen“: die historisch verbürgte Geschichte von Kleists 1810 veröffentlichter Novelle um einen Brandenburger Pferdehändler, der 1532 von einem sächsischen Junker um zwei Pferde betrogen wird und aus verletztem Stolz und derangiertem Rechtsgefühl heraus brandschatzend durch das Land zieht, erzählt das vor bald dreißig Jahren gegründete Ensemble, das sich auch als „Neue Volksbühne Köln“ apostrophiert mit Anspielungen auf die Gegenwart.

In komödiantischer Manier taucht das Personal – quartettstark bloß, dazu ein Musiker am Synthesizer – in wechselnden Rollen mannigfach auf. Eine vormalige Fahrradwerkstatt ist der Proberaum des finanzklammen Trupps, der an allen Ecken und Enden verarbeitete Grundstoff der Ausstattung ist der Fahrradschlauch. Barockperücken sind daraus gefertigt, auch in die Kostüme ist der Gummi eingeschneidert. Mitunter hat das die Züge einer Trashshow: ein Lenker und blinkende Rücklichter als Augen – das ist der Teufel.

Dieses Theater der geringen Mittel behauptet eine Originalität, es wirkt jedoch arg vorvorgestrig. „In Dresden“, die Warnung bekommt Kohlhaas von seiner Frau mit auf den Weg, „da gibt es doch diesen ,Zwingerklub’“: von einer derart lauen Art ist der ganze Humor. Nicht ernstlich komisch, auch nicht erkenntnisstiftend ist das. Possierlichkeit anstelle von Biss. Aber das kommt bei dem Sommertheaterpublikum gut an. Selbst die Verzögerung um eine Stunde, starker Regengüsse wegen, hat die Zuschauer nicht verdrossen.

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