Das Leben auf der Straße

Obdachloser Tom K.: Ein teuflischer Kreislauf

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Vor dem Penny-Markt in der Frankfurter Straße hat Tom K. seinen „Stammplatz“.  

Dreieich - Sie sitzen vor den Filialen der Discounter, einen Plastikbecher oder eine alte Decke vor sich, manchmal auch einen Hund an ihrer Seite. Sie hoffen, dass ein paar Cent- oder Euromünzen in den Becher fallen oder jemand eine Tüte mit Hundefutter erübrigt.

Zu Tausenden hocken Obdachlose in deutschen Städten vor den Einkaufstempeln und warten auf Almosen. Tom K. ist einer von ihnen. Sein „Stammplatz“ ist vor dem Penny in der Frankfurter Straße in Sprendlingen. Der 37-Jährige kam aus Thüringen nach Hessen. Sein sozialer Abstieg beginnt mit seiner Zeit bei der Bundeswehr, wie er sagt. Tom K. soll seinen Dienst in der bayerischen Provinz absolvieren, aber die Verlobte lebte in Mittelhessen. Die Entfernung zu ihr und damit verbunden die Trennung machen ihm zu schaffen. Die Sehnsucht ist schließlich stärker als die Vaterlandspflicht. Eines Tages desertiert der Thüringer, fährt zu ihr. Das macht er drei Mal. Die Konsequenz sind 18 Monate Haft wegen Fahnenflucht. Die fehlenden Tage bei der Truppe muss er nachdienen. Das dauert der Freundin zu lange: Sie trennt sich von ihm.

Tom K. beginnt ein Studium der Politologie, gibt es aber wieder auf. Auch ein zweites Studium wirft der Mann nach zwei Semestern hin. Er verdient nichts, kann sich keine Wohnung mehr leisten, tingelt durch Hessen und landet in Dreieich – vor dem Penny-Markt.

„Mein Ausweis ist seit Februar ungültig“, erzählt der Wohnsitzlose, „aber einen neuen kann ich mir nicht leisten. 27 Euro, so viel habe ich nicht“. Kein gültiger Ausweis, keine Sozialleistungen vom Staat. Ein anderes Fahrrad wäre auch gut. An einem rostigen Drahtesel hat sich Tom K. die rechte Wade aufgeschrammt. „Die Ärzte behandeln so etwas ungern, das können sie nicht abrechnen, bringt also kein Honorar“, weiß er. Trotzdem trägt er einen frischen Verband. „Eine Gefälligkeit einer Ärztin im Sprendlinger Norden“, sagt er.

Nicht weniger kompliziert ist es mit dem Übernachten. Er hat sein Lager in einer illegalen Hütte in den Baierhansenwiesen aufgeschlagen. Sie soll demnächst abgerissen werden. Und dann? Tom K. zuckt mit den Achseln. Ohne gültigen Pass keine konkrete Hilfe, ein teuflischer Kreislauf. Obwohl er sich täglich etwas zu essen kaufen muss, will Tom K. nun eisern für einen Ausweis sparen. Das neue Jahr sieht er als Chance, von der Straße und der Bettelei wegzukommen. (epa)

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