Musik-Kabarettist Lars Reichow in Sprendlingen

Pulver zu früh verschossen

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Lars Reichow gab am Donnerstagabend seine kabarettistische Visitenkarte im Sprendlinger Bürgerhaus ab. Der Mainzer begann auf hohem Niveau, verlor sich aber zunehmend in banalen Alltagsgeschichten.

Dreieich - „Liebe AfD-Wähler, Teile dieses Programms könnten Sie verunsichern“, warnt Lars Reichow sicherheitshalber, als er am Donnerstagabend in sein aktuelles Programm mit dem durchaus philosophischen Titel „Freiheit“ einsteigt. Von Sina Gebhardt

Ein großes Wort, das große Erwartungshaltung weckt und so sind die zahlreichen Besucher im Bürgerhaus gespannt, wie sich der Mainzer Kabarettist dieses bedeutungsträchtigen und durchaus umfangreichen Themas annimmt. Der Auftakt ist gelungen: Schon als er die Bühne entert, bekommt Reichow Applaus, einen Sympathiebonus hat der Entertainer wegen seiner charmanten Art sicher. Aber auch sein Einstieg ist vielversprechend, startet er mit einem flotten Reigen, bei dem er kurz und knapp weltpolitische Themen anreißt, sich gegen Donald Trump ausspricht und ein harmloses Gedicht verliest, das er mit den Worten „Verklagen Sie mich doch!“ abschließt – schließlich könne kein Kabarettist, der was auf sich hält, heutzutage ein Programm zur Freiheit präsentieren, ohne den Fall Jan Böhmermann zu thematisieren.

Als Musikkabarettist lässt auch das erste Klavierstück Reichows nicht lange auf sich warten. Brillant inszeniert er fiktive Telefonate zwischen Merkel und Putin, wobei der russische Präsident – vor Selbstsicherheit und Arroganz strotzend – zur Melodie von Dschinghis Khans „Moskau“ singt, während die Kanzlerin ihm zur Begleitmusik von „Im Wagen vor mir“ Einhalt zu gebieten versucht. Reichow gelingt mit dem musikalischen Dialog ein erfolgreicher Angriff auf die Lachmuskeln, der trotz allen Aberwitzes und Absurditäten jedoch nicht die besorgniserregende Realität außen vor lässt („Darf ich kurz lachen über eure Bundeswehr, die Hälfte eurer Waffen funktioniert nicht mehr.“).

Alltagsgeschichten mit quälend detailreichen Schilderungen

Damit scheint der Kabarettist jedoch sein Pulver bereits verschossen zu haben. Was folgt, sind Alltagsgeschichten, bei denen sich der Mainzer mit quälend detailreichen Schilderungen in Belanglosigkeiten verliert. Ob der Norwegen-Urlaub mit Kind und Kegel im Wohnmobil oder eine Hommage an den reifen Mann, der mit 50 Jahren endlich sein „Frauenabitur“ erhält – Reichows Geschichten ufern ohne erkennbaren Sinn in Langatmigkeit aus. Auch am Klavier kann der Komponist kaum noch überzeugen: Eben noch verteufelt er die scheußliche Rap-Musik, dann rappt er selber – wie könnte es anders sein – fernab von jeglicher Komik über den ganz banalen Alltag.

Man wünscht sich im Laufe des zweistündigen Programms zurück an den politisch geprägten Anfang – oder aber die Freiheit, die vor den Türen des Bürgerhauses wartet. Apropos Freiheit, die wird zumindest nochmal musikalisch aufgegriffen, wenn immerhin ein bisschen über dieses so facettenreiche Thema philosophiert wird: „Freiheit entsteht auch dadurch, dass andere sehr viel dafür tun.“ Doch gerade, wenn man anfangen will, darüber zu sinnieren, dass Freiheit durchaus etwas Subjektives ist, wird dieser Gedanke unterbrochen – davon, dass sich der Künstler ein Nutella-Brot ohne Nutella macht. Es hätte eine gelungene Vorstellung werden können, wenn Reichow sein hohes Niveau nur hätte halten können. Denn das Potenzial wäre sowohl beim Kabarettisten als auch beim Thema vorhanden gewesen.

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