Selbst Polizei hält’s nicht für sinnvoll

AfD-Vorstoß für eine 24-Stunden-Wache abgebügelt

Dreieich - Die AfD ist um die Sicherheit in Dreieich besorgt und will in der Stadt wieder eine Polizeistation mit 24-Stunden-Wache und Streifendienst installiert wissen. Von Cora Werwitzke 

Die erste politische Hürde nahm der Antrag nicht: Im Sozialausschuss stieß die Forderung auf breite Ablehnung. Selbst die Polizei in Person von Dienststellenleiter Jürgen Reiner hält den Vorstoß nicht für zielführend. Die Situation in Dreieich ist hessenweit einmalig: In der Otto-Hahn-Straße befindet sich die zweitgrößte Polizeipräsenz in der Direktion nach dem Polizeipräsidium – „fünf Stockwerke voller Polizisten“, wie es der Leiter der Regionalen Ermittlungsgruppe West, Jürgen Reiner, ausdrückt. Eine rund um die Uhr besetzte Wache ist der Standort seit 2005 aber nicht mehr, seinerzeit wurde Dreieicher Einsatzpersonal auf die Wachen in Langen und Neu-Isenburg verteilt. Bis heute bestehen bei vielen Bürgern Zweifel, in welchen Fällen sie sich nun an die Dreieicher und wann an die umliegenden Wachen wenden sollen.

„Dreieicher können in Dreieich Anzeige erstatten“, klärt Reiner auf. Eine Ausnahme bilden Verkehrsdelikte: Unfälle werden aus organisatorischen Gründen in Langen oder Neu-Isenburg aufgenommen. Wer außerhalb der Servicezeit klingele, werde automatisch weiterverbunden. Generell brauche niemand besorgt sein, dass in Dreieich zu wenig Streife gefahren werde. „Die Kollegen sind sehr häufig in Dreieich unterwegs“, versichert der Dienststellenleiter.

Die AfD nennt zur Begründung ihres Antrags unter anderem eine Zunahme von Diebstählen bei Einzelhändlern. Sie vermutet, dass das „Vakuum an Polizeipräsenz die hiesige Bandenkriminalität unter dem Deckmantel eines Rockerclubs mit befördert“ und spricht von steigenden Zahlen sexueller Übergriffe in der Region. Den Diskurs um diese Punkte müssen die Fraktionen im Ausschuss allerdings ohne die Antragsteller führen, denn Andreas Schmehl (AfD) steckt im Stau fest. Bürgermeister Dieter Zimmer (SPD) wählt als einleitende Worte, dass die AfD ein Bild von einer einer kriminalistischen Hochburg zeichne – „wir leben offenbar in zwei verschiedenen Städten“. Verantwortungslos sei, dass Aussagen im Antrag einfach nicht stimmten: „Wir haben von keinem Einzelhändler Klagen gehört, auch die Gewerbevereine nicht.“ Die drei stärksten Fraktionen lassen ebenfalls keinen Zweifel, dass sie den Ruf nach einer Rund-um-die-Uhr-Polizeistation, vor allem aber die Begründung dazu überflüssig finden.

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„Völlig daneben und falsche Aussagen“, urteilt Dietlind Schwalb (SPD); „Die Begründung geht gar nicht, wir sind sprachlos, dass die Verbindung zu Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten gezogen wird“, sagt Astrid Paluch (Grüne); „Der Antrag ist obsolet“, folgert Ingo Claus Peter (CDU). Einzig Helmut Sauer (FWG) befürwortet den Vorschlag: „Die Begründung überzeichnet die Situation, aber grundsätzlich stimmen wir zu.“ Der Diskussion vorangegangen war eine Einordnung der Lage von Dienststellenleiter Jürgen Reiner anhand der jüngsten Kriminalstatistik für Dreieich (wir berichteten). Demnach ist die Zahl von Straftaten in den vergangenen Jahren merklich zurückgegangen. Zu den inzwischen häufiger registrierten Delikten gehören allerdings Körperverletzungen. „Die Zahlen steigen bundesweit“, sagt Reiner. „Diese Straftaten lassen sich aber nur mit Prävention verhindern, da hilft kein Streifefahren.“ Aus polizeitaktischer Perspektive sei keine 24-Stunden-Station in Dreieich erforderlich.

Das gilt nach den Worten des Polizeiexperten auch mit Blick auf den Rockerclub in Dreieich. Die Osmanen Frankfurt, die erst in der Offenbacher Straße und nun in Buchschlag ihren Treffpunkt haben, würden genau beobachtet. „Nachdem es Führungsprobleme bei den Hells Angels gab, haben sich rivalisierende Ableger in Städten wie Mühlheim, Offenbach und eben auch Dreieich gebildet“, so Reiner. Sie seien zerstritten, stellten aber für Bürger keine Bedrohung dar – „da muss keiner Angst haben“.

Rubriklistenbild: © dpa

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