Ein Klon am selben Ort

Stadt fällt 130 Jahre alte Schwarzpappel an Hayner Burg

Dreieichenhain - Sie gehört zu einer seltenen Art, ist etwa 130 Jahre alt und Naturdenkmal: Doch die Stadt fällt am Samstag die beliebte Schwarzpappel an der Hayner Burg, weil sie nicht mehr sicher steht. Der scheidende Baum soll das Material für einen neuen liefern. Von Julia Radgen 

Geschichtsträchtiger Baum: Daniel Courtis, Sylvio Jäckel und Jörg Nitsch vor der etwa 130 Jahre alten Schwarzpappel.

Idyllisch thront die Schwarzpappel auf einer Kuppe zwischen Turmhügelburg und Burgweiher und erweckt den Eindruck, als habe sie schon immer zu dieser Szenerie gehört. Doch wie berichtet fällt die Stadt das kippgefährdete Naturdenkmal vor der Burgruine. Am Samstag soll die Pappel fallen; vorab hatte die Stadt Bürger zum Ortstermin geladen. Denn der Baum, eine seltene und geschützte sogenannte Echte Schwarzpappel, ist krank. „Ein holzzerstörender Pilz zersetzt den faulen Stammfuß“, erklärt der Sachverständige Matthias Zorn. Welcher Pilz genau, sei unklar. Bis zu einem gewissen Grad könnten Bäume solche Angriffe abwehren und sich regenerieren. „Hier passiert nichts mehr“, sagt Zorn, während er einen Stab zwischen Borke und Stamm der Schwarzpappel steckt: Das spröde Holz bricht weg. „Der Pilz hat das Gewebe zerstört, die Saftleitbahnen unter der Rinde sind kaputt“, erklärt der Gutachter. Die Fäule rund um den Baum könne nicht „herauswachsen“ und zersetze die Wurzeln.

Schon zuvor war die „Hayner Pappel“ nicht nur ein Wahrzeichen, sondern auch ein Sorgenkind des Dienstleistungsbetriebs, kurz DLB, gewesen. Bei der letzten Untersuchung 2012 stellten die Gutachter bereits Fäulnis fest. Zunächst wurde die Krone des Baumes gekappt, damit er sich regenerieren kann – ohne Erfolg. „Jetzt ist nicht nur die Bruch-, sondern auch die Standsicherheit der Pappel gefährdet“, so Zorn. Helfen könne man dem Baum nicht mehr: „Wir sind völlig machtlos.“ Das sei jedoch eine Alterserscheinung, sagt Zorn, der die Pappel auf stolze 130 Jahre schätzt. Bevor die innen hohle mächtige Pappel umfallen und Schaden anrichten kann, wird sie gefällt. „Wir haben sie für die Burgfestspiele noch stehengelassen“, sagt Erster Stadtrat Martin Burlon. Bevor mit dem Burgfest die nächste Veranstaltung Einzug in den alten Mauern hält, muss der Baum weg.

Das übernimmt am Samstag Daniel Courtis, Inhaber der Dreieicher Spezialfirma Freelance. „Wir können die Pappel nicht einfach fällen, sonst fließt das ganze Wasser aus dem Weiher“, sagt er. Mit einem 70 Tonnen schweren Kran rücken er und seine Mitarbeiter in den frühen Morgenstunden an und tragen den Baum über die gesperrte Solmische Weiherstraße ab. „Das machen wir Stück für Stück“, erklärt Courtis, eines dürfe nur bis zu 2,5 Tonnen wiegen. Er schätzt den kompletten Baum auf etwa 25 Tonnen. Sechs Stunden sind für die Fällung eingeplant.

Der Schwarzwald wird wild: Nationalpark entwickelt sich

Am Ende ereilt die geschichtsträchtige Hayner Pappel dasselbe Schicksal wie andere gefällte Bäume: Sie wird gehäckselt und zu Holzschnitzeln und Brennholz verarbeitet. Das hat sie mit der Wildscheuerbuche im Forstweg in Buchschlag gemeinsam, sie ist ebenfalls von Fäulnis und Pilz befallen und bruchgefährdet. Es gibt noch keinen Fälltermin. Zuvor kontrolliert ein Biologe die Höhlen, denn darin leben Tiere wie Fledermäuse.

Am schönen Burgweiher soll nach der Fällung keine Lücke klaffen. „An diesem besonderen Standort wollen wir wieder eine Schwarzpappel pflanzen“, bestätigt Sylvio Jäckel vom DLB. Vorher solle der Boden ausgetauscht werden. Eine neue Pappel entspreche dem Wunsch der Bürger, betont Stadtrat Burlon. Den Steckling soll der gefällte Baum liefern. Schon vor 20 Jahren zog man aus der Schwarzpappel Material Jungbäume, erklärt Jörg Nitsch, Fachdienstleiter der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises. „Ein genetisch identischer Klon steht ebenfalls am Burgweiher“, sagt Nitsch. Nur wenige Meter von der scheidenden Pappel ragt ein hochgewachsener, erst 15 Jahre junger Baum auf. Beste Voraussetzungen für eine neue Hayner Pappel.

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