Szenen aus Glücks Kosmos

Cartoon-Ausstellung im Dreieich-Museum

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Gerhard Glücks Figuren sind oft von komisch-trauriger Gestalt, wirken aber niemals fies. Der Geselle auf dem rechten Bild ist ein typischer Protagonist aus Glücks Kosmos.

Dreieich - Eine Ausstellung zum Schmunzeln und Sich-ertappt-fühlen: Am Samstag eröffnete die Schau „Glück im Dreieich-Museum“ mit Cartoons des bei Kassel lebenden Malers und Karikaturisten Gerhard Glück. Von Stefan Mangold

Bekannt ist der Künstler unter anderem Lesern der Wochenzeitung „Die Zeit“ oder des Satiremagazins „Eulenspiegel“. Wer vor einem Bild wie „Wilfried zeigt seinen neuen Schuhen den grauen Alltag“ steht, dem eröffnet sich der ebenso groteske wie subtile Humor aus Gerhards Glücks Cartoon-Kosmos – oder eben nicht. Mit einer einzigen kommentierten Momentaufnahme beleuchten seine Bilder Schicksale, erzählen ganze Lebensgeschichten. Die meisten Besucher der gut besuchten Vernissage können Glücks Humor sehr viel abgewinnen – vor allem die Frauen, wie sich an etlichen lachenden Gesichtern ablesen lässt. Etwa beim Anblick von Wilfried, dem Mann am Ende der besten Jahre, der seine neuen roten Halbschuhe ans Fenster hebt, während draußen mieses Wetter herrscht.

„Ich finde mich oft erstaunlich wieder“, beschreibt Erster Stadtrat Martin Burlon in seinen Begrüßungsworten sein Empfinden. Wer Glück nur als Karikaturisten bezeichne, „der bekommt von mir eine in die Fresse“, droht der Journalist und Kunsthistoriker W. P. Fahrenberg während seiner Laudatio mit dezenter Gewalt. „Entlarvend, aber nicht bösartig“, zitiert Museumsleiterin Corinna Molitor aus einer Zeitungskritik über den Maler. „Ein Reißer bin ich nicht“, sagt Glück von sich selbst. In der Aussage schwingt mit, dass Liebhaber von eher grob gestrickten und auf Mainstream getrimmten Knall-Bumm-Humor mit ihm vermutlich wenig anfangen können.

Glücks Bilder erinnern zuweilen an das Werk seines früh verstorbenen Kollegen Bernd Pfarr, dessen Büromensch mit dem Namen „Sondermann“ über Jahre die Titanic-Leser erheiterte. Glücks Figuren bewegen sich fast ausnahmslos in einem biederen, kleinbürgerlichen Milieu. Der 71-jährige, der in Frankfurt aufwuchs, skizziert seine Archetypen – anders als etwa der Österreicher Manfred Deix – jedoch niemals als Fieslinge.

Schon gar nicht einen wie den Mann im grauen Anzug mit Hut und Brille, der im Park auf einer Bank sitzt. Mit seinen gefalteten Händen wirkt er, als resümiere er nach einem Acht-Stunden-Arbeitstag auf dem Weg vom Amt nach Hause seine Existenz: „Das Leben könnte so schön sein, wenn es nicht ausgerechnet meins wäre!“, lautet die Unterschrift.

Komisch-traurig wirkt auch ein Bild, das einen Herrn in weißem Anzug, schwarzem Hemd und weißer Fliege zeigt, vor einer im Bauhaus-Stil konzipierten Villa. Mit der rechten Hand macht er eine verweisende Bewegung zu einem Gartenzwerg, der sich mit Schirm und Köfferchen noch einmal umdreht. „Deine Emotionalität passt leider nicht mehr zu unserem neuen Zuhause, Heinfried!“ bekommt der Vertriebene mit auf den Weg. Einem anderen Protagonisten lässt sich in dessen grauer Trachten-Jacke und den Hosenträgern eine ähnliche Herzlosigkeit partout nicht zutrauen, als er mit der Gießkanne zwei kopulierende Gartenzwerge in flagranti auf dem Rasen erwischt. Die Unterschrift: „Geahnt hatte er es schon lange.“

Zwei Besucherinnen erfreuen sich besonders an dem Bild, das eine Frau zeigt, die von ihrer Lektüre aufblickt, als ihr Gatte durch einen Hechtsprung über den kleinen Wohnzimmertisch von einem in den anderen Sessel unterwegs ist, was auf der weißen Tischdecke die Bierflasche samt Glas zu Fall bringt. Der Pfiff der Unterschrift liegt im erweiterten Infinitiv: „Während Frau Knösel wieder ein gutes Buch las, überkam ihren Gatten das Bedürfnis, etwas Außergewöhnliches zu leisten.“ Die Ausstellung läuft bis zum 4. September samstags von 14 und 18, sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn während der Burgfestspiele (4. Juli bis 21. August). Der Eintritt ist frei.

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