Wanderung durch Luderbachaue

Wunder der Natur

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Hermine Lotz-Winter kennt sich aus mit Pilzen. Hier zeigte sie den Teilnehmern die fadenförmigen Zellen eines Hallimaschs. Pilzmyzele können eine Größe von mehreren Quadratkilometern erreichen. Links Forstamtsleiter Christian Münch.

Dreieich - 33 Naturschutzgebiete sind im Kreis Offenbach ausgewiesen. Eines davon ist die Luderbachaue nordöstlich von Dreieich. Mehr als 290 Hektar sind der Lebensraum von seltenen Pflanzen und bedrohten Tierarten. Von Frank Mahn 

Für den „Wandertag zur biologischen Vielfalt“ hatte das RP Darmstadt gemeinsam mit dem Hessischen Forstamt eine Führung organisiert. Gut 30 Naturinteressierte machten sich auf die sechs Kilometer lange Exkursion, die sich als höchst spannend und informativ entpuppte.

Mit von der Partie ist an diesem Samstagmorgen Brigitte Lindscheid. „Wir wollen heute erfahren, was wir für eine Vielfalt vor der Haustür haben, die es zu bewahren gilt“, sagt die Regierungspräsidentin. Auch Landrat Oliver Quilling und Dreieichs Erster Stadtrat Martin Burlon haben den Anzug gegen Freizeitkleidung getauscht, um ihre Biologiekenntnisse aufzufrischen und zu vertiefen. Die Luderbachaue sei ein Kleinod, sagt der Landrat. Deshalb sei sie schon 1996 zum Naturschutzgebiet deklariert worden. In einem Ballungsraum wie der Rhein-Main-Region hätten die Menschen das Bedürfnis, in die Natur zu gehen. „Dabei ist es wichtig, die Balance zu halten und die Natur nicht über Gebühr zu strapazieren“, führt der Landrat aus. Von Burlon erfahren die Teilnehmer, dass es in Dreieich vier Naturschutzgebiete gibt, die „unsichtbare Schätze bergen“.

Das ist nicht zu hoch gegriffen. Beispiel Hirschkäfer. Er gehört zu den größten und auffälligsten Käfern in Europa. Der brummende Geweihträger mit der Vorliebe für Eichensaft ist aber selten geworden bei uns und gilt als stark gefährdet. Der Grund: Dem Insekt wurde im Laufe der Jahren systematisch der Lebensraum entzogen. Die Larven des Hirschkäfers brauchen Totholz, bevorzugt alte morsche Eichen, um sich entwickeln zu können. Doch die intensive forstwirtschaftliche Nutzung hat dem bis zu acht Zentimeter groß werdenden Giganten in vielen Regionen Deutschlands stark zugesetzt.

Hermine Lotz-Winter kennt sich aus mit Pilzen. Hier zeigte sie den Teilnehmern die fadenförmigen Zellen eines Hallimaschs. Pilzmyzele können eine Größe von mehreren Quadratkilometern erreichen. Links Forstamtsleiter Christian Münch.

Nicht nur, aber auch um des Hirschkäfers Willen hat das Hessische Forstamt in der Luderbachaue 70 Hektar Wald „stillgelegt“. Das heißt: Der Wald wird sich selbst überlassen, Totholz bleibt liegen, die Natur reguliert sich selbst. „Wir machen nichts, mit Ausnahme der Verkehrssicherungspflicht an den Wegen“, erklärt Forstamtsleiter Christian Münch und deutet auf eine Fläche, auf der bis zu 180 Jahre alte Buchen stehen. Zwischendrin bahnen sich Schößlinge den Weg nach oben. „Sieht aus wie ein Bild aus einem Nationalpark“, meint Münch. „Wir haben in dem Bereich durch die Fällung von Bäumen Lichtschächte geschaffen. Dadurch ist die Natur explodiert.“ Dort entsteht jetzt eine Art „Urwaldzelle“ mit vielen Höhlenbäumen, von der zum Beispiel Hohltauben und Fledermäuse profitieren. Und eben auch der Hirschkäfer. Dessen Dasein ist es wert, näher beleuchtet zu werden. Nach der Paarung gräbt sich das Weibchen 30 bis 50 Zentimeter tief in die Erde ein, um die Eier außen an morsche Wurzelstöcke zu legen. Nach etwa 14 Tagen schlüpfen die Larven. Bis sie als fertiger Käfer an die Oberfläche kommen, vergehen vier bis acht Jahre. Nach dieser langen Zeit im Erdreich segnet er recht schnell das Zeitliche – die „Welt draußen“ erlebt er nur wenige Wochen.

Forstamtschef Münch und die Revierförster Andreas Keller und Dieter Kramm füttern die Teilnehmer mit jeder Menge Informationen. Auch mit Zahlen. So erfahren die Wanderer, dass 28 Prozent der Fläche Deutschlands bewaldet sind. Hessen sei mit 42 Prozent eines der waldreichsten Bundesländer, berichtet Keller. Im Kreis Offenbach sei der Anteil ähnlich hoch – für einen Ballungsraum sei dies ein hervorragender Wert.

Christian Münch bleibt ein paar Meter weiter stehen und deutet in die Wipfel des Eschen-/Erlenwaldes. „Das ist unser Sorgenkind“, sagt der Forstamtschef. Das sogenannte Eschentriebsterben rafft die Bäume dahin. Die Eschen sterben von oben nach unten ab. Schuld ist ein Pilz, das „Falsche Weiße Stengelbecherchen“. Der Pilz wurde vermutlich aus Ostasien eingeschleppt und bereitet den Förstern landauf, landab zunehmend Kopfzerbrechen. Münch schätzt, dass zwei Drittel der Eschen befallen sind. Bislang ist kein Kraut gegen ihn gewachsen. Vielleicht fünf bis zehn Prozent der Eschen seien resistent und hätten eine Überlebenschance, schätzt Münch.

Vom Wattenmeer bis zu den Alpen - Deutsche Nationalparks

Eine Expertin für Pilze ist Hermine Lotz-Winter von der Frankfurter Goethe-Uni. Sie weiht die Wanderer in die geheimnisvolle Welt von Zunderschwamm, Lackporling, Hallimasch und anderen Pilzen ein. Schätzungsweise 13.000 Arten gebe es in Deutschland, weltweit seien 120.000 bekannt. „Man vermutet aber, dass es fünf Millionen gibt.“

Pilze stehen beim Imbiss zum Abschluss des dreistündigen Rundgangs nicht auf dem Speiseplan. Dafür gibt’s Wildschweinbratwürste. Die Schwarzkittel sind auch in der Luderbachaue eine ziemliche Plage, weil sie wertvolle Wiesen auf der Suche nach Nahrung umpflügen. „Essen Sie Wild! Mehr Biofleisch geht nicht“, sagt Münch.

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