Islam-Experte Dr. Marwan Abou-Taam:

Wertschätzung die beste Prävention

Dreieich - Das Interesse in Dreieich ist groß, dem renommierten Islam- und Politikwissenschaftler Dr. Marwan Abou-Taam zu erleben. Von Sina Gebhardt 

Im Rahmen der Interkulturellen Wochen gibt der Terrorismus-Experte mit seinem Vortrag „Ursachen und Erscheinungsformen von religiösem Extremismus unter Jugendlichen“ Einblick in die Entstehung salafistischer und extremistischer Bewegungen.

Es ist wahrlich keine leichte Kost, „vor allem für einen Freitagabend“, stellt Bürgermeister Dieter Zimmer fest. Er heißt den Referenten und die Zuhörer gleichermaßen im Rathaus-Sitzungssaal willkommen. Der Vortrag gehört zu den Highlights der Interkulturellen Wochen. Am Anfang des Abends steht wie bei jedem umfassend zu beleuchtenden Thema die Definitionsfrage. Denn obgleich die Begriffe „radikal“, „extremistisch“ und „fundamentalistisch“ oft synonym verwendet werden, müsse man differenzieren: „Jeder hat das Recht auf eine radikale Meinung“, erläutert Abou-Taam. Erst wenn dieses radikale Denken in ein Handeln oder Organisieren mündet, sei die Rede von Extremismus. Basiert die radikale Meinung auf einer religiösen Überzeugung und führt zu einem politischen Handeln mit dem Ziel, die Gesellschaft umzuformen, so spreche man von fundamentalistisch.

Was aber zeichnet nun eine extremistische Bewegung aus und warum fühlen sich gerade junge Menschen häufig von deren Ideologien angesprochen? „Der Rassist kommt nicht aus ohne den Minderwertigen“, weiß Abou-Taam, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz Theorie und Praxis seiner Materie kennt. „Es erfolgt ein Aufwerten seiner selbst durch das Abwerten des Anderen – und das praktisch kostenlos, einfach durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die sich selbst als elitär wahrnimmt.“ Denn Extremisten haben eine eigene Interpretation der Realität, in der ihre Wahrheit absolut und ihre Position nicht relativierbar ist.

Im Falle von Jugendlichen sei es oftmals ein Identitätsproblem, das in die Radikalität führe. Deshalb müsse man immer die Frage nach der Motivation stellen: „Nicht jeder Jugendliche, der sich in einer radikalen Szene bewegt, ist auch radikal“, betont der Islam-Experte. Wertschätzung spiele eine wichtige Rolle, wie Abou-Taam anhand eines Beispiels verdeutlicht: Wenn ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund in seinem Elternhaus dafür gerügt wird, dass er sich zu „deutsch“ verhalte, draußen aber wiederum wegen seiner Herkunft diskriminiert wird, sucht er Bestätigung – und da bieten sich extremistische Gruppen wie beispielsweise die Salafisten an: „Sie sind erfolgreich, weil sie von sich reden machen und damit attraktiv für Jugendliche.“

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Hochinteressant und aufschlussreich ist der Vortrag des Terrorismus-Experten, auf den viele Fragen folgen, die in eine Richtung zielen: Welche Hilfestellung können wir – sei es Schule, Ausbildung oder Verein – geben, um die Jugendlichen davor zu bewahren? „Ein Rezept habe ich leider auch nicht“, gesteht Abou-Taam, betont aber, dass Wertschätzung vermutlich die beste Prävention sei. Gerade um das Identitätsproblem zu lösen, müsse die „mitgebrachte und die aufgenommene Identität versöhnt werden“.

Leichter gesagt als getan, vor allem, weil die Veränderung von Wahrnehmungen eine Aufgabe der Gesellschaft sei, wie Abou-Taam erklärt. Doch die gute Nachricht des Abends lautet, dass sich an diesem Freitag im Sitzungssaal viele Menschen einfanden, die die gleiche Motivation hatten: junge Menschen vor extremistischen Bewegungen zu schützen.

Rubriklistenbild: © dpa

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