Stadtplanung im Bürgerkriegsland

Egelsbacherin plant für UN Siedlungsprojekte in Somalia

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Immer im Gespräch: Ob mit Kindern in Boosaaso (Puntland) am Golf von Aden oder lokalen Bauunternehmern in der Stadt Hargeysa in Somaliland, der Kontakt zu den Einheimischen ist enorm wichtig für die Arbeit, die die Egelsbacherin Anna Sobczak für die UN in Afrika leistete.

Egelsbach - Für die Vereinten Nationen im Krisengebiet im Einsatz: Die Egelsbacherin Anna Sobczak arbeitete sechs Jahre als Architektin in Afrika – und hat weitere Pläne in der Entwicklungshilfe. Von Julia Dittmann 

„Ich bin diesen langen Gang entlang gegangen, rechts und links die Fahnen aller UN-Mitgliedsstaaten, und ich dachte nur, jetzt lebe ich tatsächlich meinen Traum“, erinnert sich Anna Sobczak an ihren ersten Arbeitstag in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, in der das Afrika-Hauptquartier der Vereinten Nationen (UN) beheimatet ist. Sechseinhalb Jahre ist das nun her. Ein normaler Bürojob mit geregelten Arbeitszeiten konnte die damals 29-jährige Architektin, die ihre Jugend in Egelsbach verbrachte, nicht locken. Ihr Ziel war es, in der Entwicklungshilfe zu arbeiten.

Seitdem hat Sobczak in Somalia für die UN Infrastruktur- und Siedlungsentwicklungsprojekte für Binnenvertriebene (siehe Infokasten) umgesetzt. Eines, auf das die heute 36-Jährige besonders stolz ist, hatte zum Ziel, die Wiederansiedlung von 170 000 Menschen in Mogadischu zu organisieren. Feste Häuser, Sanitäranlagen, Wasserstellen, alles musste geplant werden. Umgesetzt werden konnte es in der somalischen Hauptstadt aber bislang nicht: Die Pläne mussten vorerst wieder in der Schublade verschwinden. Die Lage in der Stadt sei einfach noch nicht sicher genug, erklärt die Architektin mit Bedauern. Somalia ist ein vom Bürgerkrieg gezeichnetes Land, die al-Shabaab Miliz terrorisiert seit Jahren die Bevölkerung.

Immer im Gespräch: Ob mit Kindern in Boosaaso (Puntland) am Golf von Aden oder lokalen Bauunternehmern in der Stadt Hargeysa in Somaliland, der Kontakt zu den Einheimischen ist enorm wichtig für die Arbeit, die die Egelsbacherin Anna Sobczak für die UN in Afrika leistete.

Auch die ständige Bedrohung von UN-Mitarbeitern durch lokale Milizen ist allgegenwärtig. Anna Sobczak hat die Gefahr hautnah miterlebt: „Wenn ich in Mogadischu gearbeitet habe, ging es nur mit Schutzweste und Militärkonvoi aus der UN-Siedlung raus.“ Bei einem Anschlag sind vier ihrer Kollegen ums Leben gekommen. Zu tun gibt es reichlich: Einmal habe sie nächtelang an Modellen gearbeitet, wie zu Studienzeiten, erinnert sie sich. Dabei sei die Architektur nie ein Kindheitstraum gewesen; mit 17 Jahren war dann aber plötzlich die Faszination für diesen Beruf da. Die UN und vor allem Afrika hatte sie damals noch nicht im Blick. Ganz im Gegenteil: „Nie wieder Afrika“, hatte sie nach einem Praktikum in Äthiopien eigentlich beschlossen – aber es kam dann alles ganz anders.

Schon während des Studiums hat Sobczak sich für das Bauen und Planen in außereuropäischen Regionen interessiert. Ihre Liebe galt allerdings dem arabischen Raum. Nach einem dreimonatigen Studienaufenthalt in Aleppo war es um sie geschehen: „Ich bin aus dem Flugzeug gestiegen und habe mich wie zu Hause gefühlt.“ Das war 2005, der Krieg in Syrien noch in weiter Ferne. Der Traum, architektonische Projekte im arabischen Raum zu verwirklichen, platze kurz vor ihrer Diplomarbeit, da sie durch ihren letzten Kurs gefallen war und so vorerst die Zulassung für die Abschlussarbeit fehlte.

Aufgeben kam aber nicht in Frage. Ihr Ehrgeiz, es allen zu zeigen, liegt vielleicht auch an ihrer Herkunft und den Erfahrungen, die sie gemacht hat. Als Zehnjährige kam die gebürtige Polin nach Egelsbach, musste sich alles neu erarbeiten, die Sprache lernen, neue Freunde finden und eintauchen in eine Kultur, die ihr bisher fremd war. „In Deutschland ist es nicht cool, aus Polen zu kommen“, sagt sie offen.

UN: Wir leben in einer Ära der Vertreibung

Ihr Ehrgeiz war auch hilfreich bei einem weiteren Projekt. Die 36-Jährige errichtete das erste sogenannte Nachkriegs-Stadtplanungsbüro in Mogadischu. Unter anderem initiierte Sobczak dabei das erste urbane Forum zum Wiederaufbau der Stadt. „Verschiedene internationale und nationale Akteure wie Vertreter der UN, somalische Minister, die lokale Regierung, Experten und Vertreter der Gesellschaft sollten zusammenkommen, um gemeinsam strategische Lösungen zum Wiederaufbau zu diskutieren und zu beschließen“, erzählt die Architektin. Einige Tage vor Sobczaks geplanter hoch politischer Konferenz wurde ein Anschlag auf das Hotel verübt, in dem das Treffen stattfinden sollte. „Das war ein Schock“, sagt sie. Stattfinden konnte die Konferenz an anderer Stelle trotzdem – und Sobczak flog für ihre Präsentation noch ein letztes Mal in die somalische Hauptstadt.

Bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland vor sechs Monaten arbeitete die Architektin dann an Projekten für Binnenvertriebene in Puntland und Somaliland, den sichereren Gebieten von Somalia. Auch wenn sie mittlerweile ihre Liebe zu Afrika entdeckt hat, ist der Traum, bei der Stadtentwicklung im arabischen Raum mitzuarbeiten, geblieben. „Ich möchte in den Nahen Osten zurückkehren und dort Projekte realisieren“, sagt Anna Sobczak mit einem entschlossenen Blick. Und sie wird alles dransetzen, ihr Ziel zu erreichen.

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