150.000 Quadratmeter zum Schnäppchenpreis

Schweizer Sechser im Ackerschollen-Lotto

Egelsbach - Der Ansatz hat Charme, denn egal, was daraus wird: Die Gemeinde wäre in jedem Fall Gewinner. Landerwerb heißt das Gebot der Stunde. Die Scholle gibt’s zum Schnäppchenpreis – dank eines alten Bekannten, der Egelsbach nicht zum ersten Mal Gutes tut. Von Holger Borchard

Rund 150 .000 Quadratmeter Grund und Boden direkt vor der Haustür warten darauf, in den kommenden Jahren Zug um Zug von der Gemeinde gekauft zu werden. Die Rede ist von Gelände an der Kreisstraße 168 – jenseits des Friedhofs, in direkter Nachbarschaft des Kammerecks sowie vis-à-vis des ehemaligen Fleißner-Gebäudes. Damit ist auch schon der Name gefallen, der die laut Bürgermeister Jürgen Sieling „einmalige Chance“ möglich macht: Gerold Fleißner, mittlerweile 90 Jahre alt, und seine Frau haben vom Altersruhesitz in der Schweiz aus bereits im Herbst 2015 der Gemeinde das Angebot gemacht, jene Flächen zu erwerben, die die Unternehmerfamilie sich vor Jahrzehnten strategisch gesichert hatte, um eine Expansion des Egelsbacher Vorzeigebetriebs zu ermöglichen.

Wie jene Geschichte ausging, ist so bekannt wie leidig – die Fleißner-Trümmer werden aktuell unter dem Namen Trützschler verkloppt. Doch der einen Leid (gemeint ist allein die von einer Kündigungswelle hart getroffene halbe Belegschaft ...) ist bekanntlich der anderen Freud. Und so glühen seit Monaten die Drähte zwischen dem Egelsbacher Rathaus und einem AlpenChalet. Inzwischen sind die Weichen gestellt, auf dass die Gemeindevertreter in der öffentlichen Sitzung am morgigen Donnerstag (Rathaus, 19 Uhr), den Ankauf der ersten 24 000 Quadratmeter beschließen können. Das empfiehlt der Gemeindevorstand.

Bei den Grundstücken handelt es sich um landwirtschaftliche Nutzflächen, die im Flächennutzungsplan derzeit noch als gewerbliche Baufläche dargestellt sind, de facto aber von den Ortslandwirten Eckert und Fink bewirtschaftet werden. Für die erste Charge wurde ein Kaufpreis von 162.000 Euro (6,25 Euro je Quadratmeter plus acht Prozent Nebenkosten) vereinbart. Die finanzielle Abwicklung würde über den Etat 2015 erfolgen, der diese Summe unter der Haushaltsstelle „Erwerb von Grundstücken“ vorsah.

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Geht es nach dem Gemeindevorstand, wird über den laufenden Etat 2016 eine weitere halbe Million Euro in Fleißner-Grundstücke investiert und nach gleichem Schema könnte sich das über die kommenden Jahre fortsetzen. Seitens der Kommunalaufsicht sei kein Störfeuer zu erwarten, merkt Jürgen Sieling an, „wir schaffen ja glasklaren Gegenwert fürs Geld“. Letzteres müsse man sich zwar am Kapitalmarkt besorgen, aber: „Bei diesem Kaufpreis kann man doch gar nicht anders.“

Für alle weiteren Flächen wird die Gemeinde freilich 20 Euro je Quadratmeter zahlen müssen. Immer noch ein Schnäppchenpreis – zum Vergleich: Im Baugebiet Leimenkaute kauft die Gemeinde Grundstücke für 100 Euro je Quadratmeter an. „Der Aufschlag erklärt sich dadurch, dass die Familie Fleißner zurecht darauf hinweist, dass der Grundstückswert erheblich steigt, sofern Ackerland zu Bauerwartungsland wird“, sagt Sieling. „Als Gemeinde dürfen wir uns aber gegenüber Verhandlungspartnern nicht in die Zukunft verpflichten. Insofern musste von vornherein eine verbindliche Vereinbarung her. Mit den 20 Euro sind alle zukünftigen Ansprüche abgegolten.“

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Was die Gemeinde mit so viel Grund tun will? Ein offenes Geheimnis: „Die Flächen eignen sich hervorragend hinsichtlich Größe, Lage und Anbindung an die bestehende Ortsstruktur für die nachhaltige Entwicklung von dringend benötigtem Wohnungsbau“, heißt es in der Vorlage für das Parlament. Dies zielt in erster Linie auf sozialen Wohnungsbau ab – Konsequenz zweier Gemeindevertreterbeschlüsse vom Dezember 2015, denen die Leimenkaute-Planung ebenfalls Rechnung trägt.

„Ziel muss ganz klar sein, das zum Verkauf stehende Gelände nach und nach in Gemeindebesitz zu holen“, lautet Sielings Devise. „Günstiger kann man nicht strategische Bodenbevorratung betreiben, die uns komplette Handlungs- und Steuerungshoheit sichert.“ Der niedrige Kaufpreis von 20 Euro lasse mehr als ausreichend Spielraum, um potenziellen Investoren die Schaffung preiswerten Wohnraums schmackhaft zu machen. „Das wollen und brauchen wir hier und nicht einen Investor, der uns hochpreisige ,Egelsbacher Terrassen‘ hinstellt“, betont Sieling mit vielsagendem Zungenschlag Richtung Nachbarstadt. Eines müsse aber auch klar sein: „Wir sprechen von einer Planung über Jahre und Jahrzehnte, für die es heute keine Rundum-Wohlfühlgarantie gibt, die aber umgekehrt einen Vertrauensvorschuss braucht!“

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