Gewerbekonzept als Absage ans Planungsdogma

Seht her, so einfach läuft da nix

+
Das Gewerbegebiet am Kurt-Schumacher-Ring – Egelsbachs kommerzielle Schlagader, aber beileibe nicht frei von Problemen, Brachen und Begehrlichkeiten.

Egelsbach - Als sogenanntes Unterzentrum hat man es nicht leicht im gewerblichen Spannungsfeld zwischen Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Hanau. Von Holger Borchard 

Erst recht nicht, wenn übergeordnete Behörden und der „böse Nachbar“ Druck machen, mit dem Vorwurf, dass man als kleine Gemeinde über seine Verhältnisse mit (Einzel-)Handel bestückt sei. Insofern strickt Egelsbach weiter am Konzept zur Entwicklung des Gewerbegebiets und der Ortsmitte – das Prinzip „Standort im Abwehrmodus“ ist gültiger denn je. Tote Hose im Ortskern, dafür rund um den Kurt-Schumacher-Ring ein wildes Nebeneinander an großen und mittleren Läden: Das ist, überspitzt formuliert, der Status quo, sofern man Egelsbach durch die Gewerbebrille betrachtet. Aus Sicht der Gemeindeverwaltung schreit das nach wohl überlegtem Flächenmanagement, aus Sicht übergeordneter Behörden (Regierungspräsidium, Regionalverband, Kreisverwaltung) nach Regulierung und Sanktionierung. „Gerade der liebe Nachbar Langen schießt da gewaltig gegen uns“, nimmt Bürgermeister Jürgen Sieling kein Blatt vor den Mund.

Was also tun? Seit Sommer 2015 lässt die Gemeindeverwaltung das schon anno 2013 angestoßene Entwicklungskonzept für den Standort mit Inhalten füllen. Diese Aufgabe fällt dem Dortmunder Planungsbüro Stadt + Handel zu. Der Auftrag an die Fachleute aus dem Ruhrgebiet: Rahmenbedingungen, Entwicklungen und Fehlentwicklungen im Ort darstellen, Lösungen aufzeigen. Eine Zwischenbilanz haben die Planer jüngst im Bauausschuss vorgelegt. Jene listet die Ergebnisse einer flächendeckenden Erhebung zu Firmenzahl und -größe, Warengruppen und Lagen, sortimentsspezifischen Kennzahlen etc. samt Nachfrageanalyse und Händlerumfrage auf. So bescheiden die Resonanz der Händler auf die Befragung ausfiel, so spektakulär ist die Schlussfolgerung der Planer für den Ortskern: Das flächenmäßige Potenzial, um einen Einzelhandels-Magneten fußläufig erreichbar in Egelsbachs Mitte zu locken, bieten nur das Freibad und das Sportgelände am Berliner Platz.

Starker Tobak. Kein Wunder, dass Jürgen Sieling umgehend klarstellt: „Das ist rein hypothetisch, ein nüchterner Blick von außen, der uns jedoch argumentativ hilft.“ Schwimmbad und Sportgelände stünden nicht zur Disposition. „Aber indem uns die Planer bestätigen, dass keine anderen geeigneten Flächen verfügbar sind, die Einzelhandel heutzutage verlangt, um gewinnbringend agieren zu können, haben wir endlich eine Antwort auf das Mantra von übergeordneter Stelle, das da heißt: Ihr müsst euren Innenort stärken“. So einfach sei das eben nicht, die Rahmenbedingungen vielmehr denkbar schlecht. „Das ist deutschlandweit ein Zeichen der Zeit und demnach gibt es gute Gründe, warum die Handelslandschaft in Egelsbach so ist wie sie ist“, bilanziert Sieling.

Die schönsten Orte in Langen: Leserbilder 

Dies müsse man an übergeordneter Stelle zwar nicht gutheißen, aber „zumindest beachten“, meint der Rathaus-Chef. Insofern sei eine Übergangsphase für das Gewerbe am Kurt-Schumacher-Ring im Zuge einer auf die nächsten zehn, 15 Jahre ausgelegten Konzeptionierung das, was die Gemeinde sich von den Behörden erhoffe. „Die Betriebe sind da und haben Bestandsschutz“, stellt Sieling fest. „Dennoch läuft der Kurt-Schumacher-Ring Gefahr, planerisch-dogmatisch beschnitten zu werden. Das kann man als Kommunalverwaltung mit Blick auf die Einnahmenseite nicht hinnehmen. Andererseits wollen wir mit unserem Einzelhandelskonzept aufzeigen, dass wir uns parallel selbst verpflichten, nicht auf Teufel komm’ raus Quadratmeter zu wollen.“

Einen Seitenhieb auf Langen mag Jürgen Sieling sich nicht verkneifen. Schön, wenn man dort eine Fläche für einen innerstädtischen Magneten auftun könne. „Aber ungeachtet der Proteste einiger Anwohner und der nicht wegzuredenden, schon heute problematischen Verkehrssituation hat mir erst kürzlich ein Gang durch die Bahnstraße gezeigt: Abgesehen von Kaufhaus Braun, Optiker, Juwelier und ein, zwei anderen Läden suchst du hochwertigen Einzelhandel auch dort mit der Lupe.“ Jeder Stadtplaner kenne die schwierige Materie hinlänglich, insofern sei ein Zuruf nicht nur unter Nachbarn überfällig: „Redet uns nicht ein, dass bei uns funktionieren muss, was bei euch genau so wenig funktioniert!“

Kommentare